Warum ich kein Mental Health Advocate mehr bin

Meine Diagnosen sind lange Zeit eine Art Aushängeschild für mich gewesen. Ich habe mich über sie identifiziert, besonders im Rahmen der Aufklärung über psychische Erkrankungen. Ich war Sammy mit der Borderline Persönlichkeitsstörung. Seit fast 3 Jahren schreibe ich öffentlich über das Leben mit psychischen Erkrankungen und in der Zeit hat sich meine Wahrnehmung meiner Erkrankungen und die Darstellung dessen im Netz sehr geändert.

Lange Zeit habe ich mich hauptsächlich damit beschäftigt über den Umgang mit psychischen Erkrankungen aufzuklären. Es war meine Superpower. Ich wusste was die Erkrankung mit einem macht, wie es sich anfühlt und auch wusste ich was ich mir im Umgang mit Erkrankten von der Gesellschaft wünsche. Ich wollte dafür meine Stimme in den sozialen Medien nutzen, was ich auch tat. Die Reaktionen und Möglichkeiten, die sich dadurch boten, bestätigten mich in dem was ich tat. Ich war das Aushängeschild der Borderline Erkrankung. 

Was ich dabei vernachlässigte war mein eigener Umgang mit meiner Erkrankung. Ich stürzte mich täglich in die Tiefen meiner Psyche, wühlte in den schlimmsten Momenten in meinen Gefühlen umher um sie in präsentable Worte zu packen. Ich schlachtete meine Erkrankung medial aus. Retrospektiv, weiß ich nun dass es nicht das beste für mich war. Es war wie eine Münze mit 2 Seiten – gut & böse.

Die böse Seite zeigte sich dadurch, dass ich mich sehr öffnete für eine breite Menge an Menschen. Ich zeigte mich sehr verletzlich und wurde dadurch schnell anfällig für Verwundungen. Ich legte mein Inneres dar für über 10.000 Menschen, was verrückt ist wenn man sich diese Zahl anschaut. Dass dabei nicht alle Menschen einem wohlgesonnen sind, ist eigentlich klar. Doch damit umzugehen, war extrem schwierig für mich. Negative Kommentare verletzen mich stärker als sie sollten. Da ich zu dieser Zeit sehr verwundbar war. Auch hatte ich es mir zur persönlichen Agenda gemacht, Mutter Theresa zu spielen. Ich hatte immer ein offenes Ohr für alle, Freelance Therapeutin ohne Qualifikationen. Damit hatte ich mich selbst extrem übernommen. Ich ließ Geschichten und Erfahrungen von fremden Menschen viel zu nah an mich heran und machte ihre Probleme damit zu meinen. Eine Grenze, die ich nicht hätte überschreiten dürfen. Dazu kam auch noch das permanente triggern meiner Selbst. Ich blieb lange auf Gefühlen hängen, um mich darin zu suhlen und sie zu kommunizieren. Ich machte meine eigene Psyche dadurch zu einem dunklen Loch, dem ich nicht mehr entfliehen konnte. Weil, worüber soll ich sonst schreiben? Alle erwarten von mir, dass ich ihnen Input zum Thema Borderline, Depressionen und Angststörung gebe. Ich erschuf damit meinen eigenen Teufelskreis aus dem ich nicht mehr ausbrechen konnte.

Die positive Seite der Münze, war der Grund weshalb ich aus meinem Teufelskreis nicht raus konnte. Denn ich war eine Hilfe für Menschen. Ein Mensch, der immer mit seinem Selbstwert gestruggelt hat und sich immer für überflüssig gehalten hat, hat nun eine Bestimmung. Menschen haben mir vertraut und mir mitgeteilt, dass ich für sie eine Hilfe in ihrem Leben war. Ich bekam dadurch einen ziemlichen Höhenflug und fühlte mich unentbehrlich. Dazu kam das Konzept Social Media mit seinem Algorithmus und der “Konkurrenz”. Man musste immer up to date sein, mehr Content liefern, mehr Aufmerksamkeit erregen. Einfach immer präsent sein. Für eine Zeit in meinem Leben war dies genau richtig, denn ich hatte eine Aufgabe und dadurch einen Weg vor meinen Augen. Doch dieser Weg funktionierte nur für eine Phase in meinem Leben. 

Ein weiterer positiver Effekt des Ganzen war, dass ich besser darin wurde mich selbst zu reflektieren, was mir enorm viel im Umgang mit meinen Erkrankungen geholfen hat. Ich konnte mich selber besser kennenlernen und auch meine Gefühle und Erfahrungen in Worte fassen. Dass dies aber nicht alles für die Außenwelt gedacht war, realisierte ich erst vor einem Jahr. Ich habe eine eigene Grenze überschritten und ließ zu viel von mir nach außen. Jetzt weiß ich, dass ich einen gesünderen Umgang damit brauche und viele dieser Reflektionen nur für meine eigenen Augen gedacht sind. Aber so ist das halt im Leben, man lernt aus Fehlern und macht es im nächsten Anlauf besser.

Ich freue mich bis heute über jede Nachricht, die ich zu den alten Texten und Inhalten bekomme und die Reaktionen, dass es für manche Menschen eine Hilfe war. Doch in dieser Form wird es das nicht mehr geben. Diese Entscheidung entstand aus einem langen Prozess, der existentiellen Krisen, Zusammenbrüche und Veränderungen in meinem Privatleben. Nicht alles muss mehr in den Augen der Öffentlichkeit passieren und manche Texte sind besser und hilfreicher für andere, wenn sie mit einem gesunden Abstand geschrieben werden. Aus dem Grund möchte ich hier wieder etwas aktiver werden. Aber in meinem Tempo, ohne Druck und Beeinflussung von Außen. 

Meine Diagnosen sind heute ein Teil von mir, genauso wie damals. Doch ich betrachte sie nun aus einem anderen Licht. Sie sind nicht mehr der interessanteste Teil von mir, nicht der Teil wegen dem mich Menschen mögen oder interessant finden. Nein, denn das bin ich selber. Ich bin nicht mehr nur das Mädchen mit dem Borderline, sondern einfach Sammy.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.