Wie ich mich selbst verloren habe

Ich bin vor ein paar Wochen über den Begriff Quarter Life Crisis gestoßen und habe mich genau in diesem wiedergefunden. Die Suche nach dem eigenen Selbst ist eine Frage, die mich mein ganzes Leben lang schon begleitet. Ich habe Tage und Wochen, in denen ich denke mich selbst gefunden zu haben. Doch dann kann ein noch so kleines Ereignis dies wieder komplett aus der Bahn werfen.

Ich habe mich die letzten Wochen mehr auf mich selber besinnt und meine eigene Darstellung in sozialen Netzwerken überdacht – weil genau diese Präsenz sehr viel Einfluss auf mein Leben und meine Selbstwahrnehmung. Aus diesem Grund habe ich einen radikalen Weg gewählt und vorerst Instagram von meinem Handy und aus meinem Kopf gelöscht. Und mir geht es seit dem so viel besser. Ich habe realisiert wie sehr mich diese App und die Darstellung dort beeinflusst hat. Instagram war in meinem Kopf mein Safespace, ich konnte dort mein Leben teilen, Zuspruch gewinnen und zog sehr viel Bestätigung daraus. Doch ich verlor mich selber.

Ich drückte mich selber regelmäßig in Kisten, in die ich mich so eigentlich gar nicht stecken wollte. Ich sah nie das große Ganze was mich eigentlich ausmacht. Ich teilte mich auf in Splitter meiner Persönlichkeit, mit denen ich mich präsentierte und mich somit selber in diese aufsplitterte. Die Stoner Sammy, die über Platten schreibt, die Mental Health Sammy, die über Erkrankungen mit ihrer eigenen Geschichte aufklärt und die artsy Sammy, die auf Zines und DIY Kultur steht. Wenn man durch mein Feed scrollt sieht man ganz klar welche Splitter wann, wie repräsentativ für mich waren. Außerdem brüllte die ganze Zeit in meinem Hinterkopf eine Stimme, die aus mir eine Brand machen wollte. Candy Wasteland ist eine Marke, die ich mir selber aufgebaut habe. Doch CW ist auch nur der Mental Health Teil des Ganzen. Aus diesem Grund habe ich hier, diese Plattform geschaffen um über die Erkrankungen zu reden und aufzuklären. Doch es wurde mehr zu einem Markenzeichen von mir – Sammy, die mit den psychischen Erkrankungen. Es war nicht mehr nur ein Teil von mir, es wurde zu mir.

Ich wollte nie auf meine Erkrankungen heruntergebrochen werden, doch ich spielte selber extrem in dieses Bild hinein. Die letzten Monate drehte sich in meinem Kopf nur noch alles um meine Erkrankungen und es wurde für mich immer mehr zur Last. Ich hatte das Gefühl mich selber zu erdrücken. Dazu kam auch noch die Erwartungshaltung von außen. Ich wollte den Menschen, das bieten wieso sie zu mir gekommen sind. Daraus wurde Mental Health Analyse 24/7. Ich konnte mich dem Thema nicht mehr entziehen, es vereinnahmte mich. Ich sah mich in der Retter Position. Ich wollte jedem helfen und so viel Einblick wie möglich in dieses Leben gewähren. Es zeriss mich innerlich und ich wollte es selber nicht sehen. In dem letzten halben Jahr sind extrem viele persönliche Dinge passiert, die ich auf Instagram breit trat und bis in den letzten Funken analysierte. Ich brachte mich selber in einen Teufelskreis aus dem ich nicht mehr rauskam.

Außerdem übte diese Plattform extremen Einfluss auf mich aus. Ich konsumierte 24/7 das Leben Anderer. Ich verglich, schaute mir Dinge ab und verlor mich darin. Ich hatte den permanenten Veränderungsdrang, der klar durch das Borderline unterstützt wurde. Ich kämpfte mit so viel Selbstunsicherheit, wie noch nie in meinem Leben. Weil ich mich den ganzen Tag mit Vergleichen und dem tollen Leben anderer konfrontierte. Ich verlor mich selber.

Dazu kam mein Alter. Ich bin nun 24 Jahre alt, habe fast ein Vierteljahrhundert hinter mir in dem so viel einschneidendes passiert ist. Genau diese Erlebnisse und Erfahrungen prägten mich und machten mich zu der Person, die ich heute bin. Durch meine öffentliche Präsenz auf Instagram rührte ich immer wieder in den negativen Seiten. Ich suchte die Auslöser nur im negativen und verlor komplett den Blick auf die positiven Dinge. Ich brachte mich selber immer wieder in eine Spirale, die mich immer wieder in die dunkelsten Täler brachte. Dort verblieb ich dann bis ich wieder etwas Luft hatte um dann wieder abzutauchen. Ich realisierte nicht wie sehr ich mich damit selber immer wieder triggerte. Der Vergleich zu Anderen spielte dabei auch eine enorme Rolle. Wer ist in dem selben Alter an welcher Position seines Lebens und wer hat mehr als ich erreicht. Der Instafame stichelte immer wieder in diese Wunde und auch der Grund dafür. Warum habe ich so eine Reichweite? Weil ich die Menschen immer wieder mitnehme an meine dunklen Seiten. Damit reduzierte ich mich selber und mein Leben nur auf die negativen Seiten. Die glückliche Sammy war nicht mehr repräsentabel weil sie nicht in dieses Konzept passte. Ich war die, die nicht nur die Sonnenzeiten zeigte. Doch dieses “nur” fiel irgendwann auf dem Weg weg. Ich zeigte nur noch die dunklen Zeiten und machte dies zu meinem Markenzeichen.

Mein privates Leben litt extrem darunter, was ich erst mit der Zeit realisierte. Gespräche drehten sich nur noch um diese negativen Dinge, die mein Leben vereinnahmten. Es war kein Platz mehr für gute Momente. Diese fand ich erst, als ich das  Handy weg legte und keinen Wert mehr auf meine Präsenz legte. Die letzten Wochen ohne Instagram zeigte mir, dass die reale Sammy wieder atmen konnte. Ich widmete Projekten und Dingen Zeit, die keinen Platz zuvor fanden. Ich merkte, dass ich nicht alles teilen muss. Ich muss keinem zeigen was ich heute den ganzen Tag mache, weil es passiert trotzdem. Egal ob es jemand mitbekommt oder nicht. Und genau dieses Mindset will ich behalten.

Ich möchte meine Öffentlichkeitsarbeit nicht aufgeben, doch ich muss für mich eigene Grenzen finden. Aus diesem Grund gibt es nun klare Abgrenzungen. Alles was mit Mental Health zutun hat findet nur noch auf dem Blog Candy Wasteland statt. Hier werde ich Erfahrungen teilen und Texte posten. Dafür wird das hier alles umstrukturiert. Mein Instagram wird vorerst frei bleiben von Mental Health Themen, für meinen Selbstschutz. Ich habe mir neuen Strategien überlegt und werde auch aus mir kein Business Modell mehr machen. Ich bin ein Mensch mit Interessen und Gefühlen und keine Marke. Ich muss keine 24/7 Content bringen um mich selber zu vermarkten. Instagram ist nicht mein Job.

Genau das musste ich mir selber auch klar machen! Ich habe mir nun meinen Traum erfüllt und arbeite als Freelancer im Social Media Bereich. Damit verdiene ich nun mein Geld und es ist absolut erfüllend für mich. Deshalb hat sich in meinem Kopf auch die Sache mit dem “Geld verdienen mit Instagram” gelegt. Ich habe das Gefühl dadurch wieder mehr bei mir zu sein. Bei der Sammy, die ich einfach bin.

Ich hoffe ihr könnt meine Beweggründe nun etwas besser nachvollziehen. Diese Trennung des Contents möchte ich erstmal beibehalten um selber mit mir klarer zu werden.

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