Was ist überhaupt dieses Borderline?

„Frau Fröbel, ich habe die Tests der letzten Woche ausgewertet und ich bin mir sehr sicher dass sie Borderline haben“ – das waren die Worte meines Therapeuten vor ungefähr drei Jahren.

Da sitzt du erstmal da und bekommst so ein komisches Wort vor den Latz geknallt. Die Depression und die Angsstörung sind auch noch da, die kenne ich auch. Die beiden sind meine täglichen Begleiter, mit denen ich irgendwie mein Leben bewältigen muss. Okay damit habe ich mich ja abgefunden, viele Leute haben Depressionen. Macht ja auch nur Sinn nach meinem Trauma aber jetzt noch eine Krankheit mehr? Das musste ich erstmal verdauen. Ich taumelte wie betrunken aus der Praxis des Therapeuten und stiefelte in den nächsten Späti auf dem Weg um mir eine Mate zu holen. Dann wählte ich die Nummer meiner Mutter, etwas was ich nach jedem Termin tat. Meine Mutter und ich haben ein sehr enges Verhältnis, ich erzähle ihr so gut wie alles was bei mir passiert. Außer vielleicht Alkohol-Stories, die würden sie nur beunruhigen. Aber sonst weiß sie über alles Bescheid, besonders über meine Psyche. Sie ist selbst seit ein paar Jahren wegen Burnout in Behandlung und kann seit dem besser mit mir als depressiven Hänger umgehen. Ich wähle ihre Nummer und erzähle ihr dass die Sitzung okay war. Bei den Tests ist herausgekommen, dass ich noch eine andere Erkrankung habe. Aber was genau das ist, keine Ahnung. Sage ich ihr ganz ehrlich. Sie ist etwas verwirrt aber sagt dass es schon okay sei und ich mich daheim nun einfach etwas ausruhen soll und heute Nachmittag in die Vorlesung gehen soll. „Alles klar, Mama. Mach ich! Ich melde mich später“, sage ich und lege auf.

Auf dem Weg heim schaue ich mich noch etwas um. Ich mag Leipzig-Connewitz sehr. Die Graffitis, die Punks, den linken Buchladen und die ganzen Hunde auf der Straße. Ich fühle mich wohl und richtig angekommen in diesem Viertel.
Ich wander nachhause und verkrieche mich in meinem Zimmer mit meiner Mate. Erstmal eine Kippe und dann den Laptop aufs Bett holen. Ich gehe zu Google und gebe „Borderline“ in die Suchleiste ein. Aha – also eine Persönlichkeitsstörung. Okay also bin ich gestört, auch gut. Ich lese mich durch verschiedene Seiten über Symptome, Krankheitsbilder, Behandlungen und lande immer wieder bei den selben Antworten. Nach ein paar Stunden sehe ich es ein. Ich habe wirklich diese Störung, das passt alles zu hundert Prozent, was auf diesen Seiten steht. Ich raste ohne Grund aus, ich hab extreme Probleme meine Gefühle zu beherrschen, eine konstante Angst vor dem Verlassen werden und geritzt habe ich mich auch Jahre lang.

So geht das dann eine Woche lang, ich lese alles was ich in die Hände bekomme dazu. Befrage die beste Freundin meines Freundes, die Psychologie studiert und sie bestätigt mir das mit ihrer Einschätzung auch noch einmal. Okay, ich habe Borderline. Scheisse, das heißt ich bin richtig psychisch krank. Ich hab nun eine Erklärung für viele Dinge in meinem Leben und besonders in meinem Kopf. Es macht alles Sinn. Die Stimmungsschwankungen, dieses krasse Binden an Personen und die enormen Selbstzweifel. Es ist alles eine Erkrankung. Ich schicke meinem Freund die ganzen Links, die ich in den letzten Tagen ununterbrochen geöffnet und gelesen habe und erkläre ihm, dass ich nun eine Erklärung für meine Psyche habe. Er nimmt das so an und schreibt mir, dass nun alles okay ist und wir nun Bescheid wissen. Okay, sehr gut er lässt mich nicht fallen damit und ich bin nicht alleine. Ich meine die Krankheit war eh immer da, nur hat sie nun einen Namen und ich die Gewissheit, dass sie existiert. Ich brauche weitere Tage um damit klar zu kommen, die verbringe ich wie immer damit mich im Bett zu verkriechen, Mr. Robot zu schauen und nur das Zimmer für Essen oder den Toiletten-Gang zu verlassen. Neue Erkenntnisse und krasses Depressionsloch passen nicht so gut zusammen. Alles überfordert mich oder ist mir zu viel. Ich schaffe es gerade so einmal einkaufen zu gehen, aber auch nur weil der Rewe auf der Rückseite unserers Hauses ist und ich da in meinen Gammelklamotten hinwandern kann.

Ich rufe nach ein paar Tagen hin und her meine Mutter an und erzähle es ihr. Ich sende ihr auch ein paar Links, dass sie nachlesen kann was ich ihr erzähle. Es tut unglaublich weh seiner Mutter zu sagen, dass man eine psychische Störung hat. Sie ist überfordert und kann es kaum glauben. Ich unterlege es ihr mit Beispielen und sie kann es irgendwo nachvollziehen. Aber einfach ist es für sie auch nicht. Ich merke es ihr an, dass es sie fertig macht. Klar, wenn das eigene Kind so ziemlich einen an der Waffel hat ist das bestimmt nicht leicht zu verkraften. Sie fängt in den folgenden Tagen an mich dauernd anzurufen und Fragen zustellen, sie macht sich Vorwürfe, dass sie etwas falsch gemacht hätte und daran Schuld sei. Die Frage kann ich ihr nicht beantworten. Borderline kann durch verschiedene Dinge entstehen, zum einen durch ein Trauma zum anderen kann es aber auch eine genetische Fehlstellung im Gehirn sein. Für die kann niemand etwas. Manchmal kommt es auch vor, dass es vererbt wird. Jedoch ist es bei niemanden aus der Familie bekannt, aber gut in der DDR wurde auch nicht festgestellt ob jemand Borderliner ist. Da war man einfach nur verrückt oder hysterisch.

Ich kann mit Gewissheit sagen, dass ich seit Anfang meines Lebens diese Störung habe. Als Kind war ich sehr kränklich und habe viel geweint. Weil ich nicht wollte, dass meine Mama mich verlässt. Das war damals schon meine größte Angst, bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ich klebte wirklich am Bein meiner Mama, ununterbrochen. Wenn sie zuhause war, konnte sie nichts ohne mich machen. Ich war immer unglaublich eifersüchtig, wenn nur jemand mit ihr redete. Ich konnte vom glücklichen, süßen Fratz in sekunden zu einer brüllenden Bestie werden. Regelmäßig wälzte ich mich auf dem Boden des Marktkauf, weil ich etwas nicht bekam. Ich hatte richtige Tobsuchtanfälle, die Stunden gingen. Ich war kein einfaches Kind – Nun kann ich auch sagen woran das alles lag.

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