Irgendwo zwischen Liebe und Hass



Ich bin Abhängig – aber nicht wie die meisten in diesem Moment vermuten würden von Alkohol oder Drogen. Nein, ich bin abhängig von der Liebe. Abhängig von dem Gefühl verliebt zu sein, Anerkennung und Zuneigung zu erfahren. Aber für welchen Preis und wo liegen die Ursachen?

In meinem Falle liegt der Grund ganz eindeutig in meinem Elternhaus. Eltern haben von Geburt an den größten Einfluss auf Kinder. Sie prägen die Entwicklung durch ihre Verhaltensweisen und Handlungen nachhaltig. Eltern besitzen Macht und üben diese stetig bewusst oder unterbewusst aus.


Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Eltern (Welches Kind tut das nicht?) aber nichtsdestotrotz, haben sie den Grundstein gelegt.
Ich wuchs als Scheidungskind auf und verbrachte die ersten Lebensjahre damit wie ein Wanderpokal zwischen beiden Elternteilen hin- und hergereicht zu werden. Ich wurde immer wieder mit verletzenden Äußerungen konfrontiert, die dazu dienten, mich auf eine Seite zu ziehen und zum Ziel hatten, dass ich mich für eine Elternpartei entscheide. Entweder Mama oder Papa, beide zu lieben, war keine Option. Es gab nur guter oder böser Cop.


Emotional in solch jungen Jahren schon so enorm unter Druck gesetzt zu werden, mitzubekommen wie kein Elternteil an dem anderen ein gutes Haar lässt und Äußerungen an den Kopf geknallt zu bekommen (unabhängig, ob diese ernst oder im Streit gesagt wurden), dass wenn wir Kinder nicht gewesen wären, die Scheidung nie passiert wäre – prägt einen nachhaltig. Das Resultat, Schuldgefühle und Selbsthass. Natürlich tragen die Kinder niemals Schuld an der Trennung der Eltern aber das verstehst du als Kind einfach noch nicht.
Mich plagten also schon früh Schuldgefühle. Schuldgefühle, weil ich anscheinend die Scheidung meiner Eltern zu verantworten hatte. Schuldgefühle, weil meine pure Existenz dazu geführt hatte, dass mein Vater die Familie verlassen hat.
Nicht nur, dass ich dadurch ohne männliche Bezugsperson und Vaterfigur aufgewachsen bin, sondern auch das Verhältnis zu meiner Mutter war angespannt.

Mein „Vater“ war Zuhause ein absolutes Tabuthema und wenn es doch einmal zur Sprache kam, wurde kein gutes Haar an ihm gelassen.
Emotional sowieso schon hin- und her gerissen, bekam ich meine Mutter aufgrund von Arbeit nur selten zu Gesicht und verbrachte den Großteil meiner Kindheit bei meinem Großeltern mütterlicherseits.
Ich habe meine Großeltern vergöttert, vor allem meinen Opa, der nach der Trennung meiner Eltern die Vaterfigur und Rolle als männliche Bezugsperson übernommen hatte. 

Das Verhältnis zu meiner Mutter war bereits früh geprägt von einer Art Hassliebe. Ich liebte sie, sie war meine Mutter und hatte alles in ihrer Macht stehende getan, damit ich ein gutes Leben hatte. Sie versuchte mir jeden meiner Wünsche zu erfüllen und so bekam ich frühzeitig so ziemlich alles in den Hintern geblasen.

Ich versuchte durch die materiellen Dinge die Leere in mir nach Liebe, Geborgenheit und Zuneigung auszufüllen und meine Mutter, erfüllte mir jeden dieser Wünsche – einmal aus dem schlechten Gewissen heraus, kaum Zeit für mich zu haben und einmal, um gegenüber meinem Vater als besser dazustehen.

Was soll ich sagen, ich hatte zwar die neusten Spielsachen, die neuste Kleidung etc. aber ich habe nicht einmal gehört „Ich hab dich lieb“ oder „Ich bin stolz auf dich“. Ich habe bis zu meinem Jugendjahren keine körperliche oder emotionale Zuneigung erhalten. Die erste Umarmung meiner Mutter erhielt ich mit 16 Jahren.

Ich war emotional verkrüppelt, bevor ich dies überhaupt bewusst wahrnahm. Ich kämpfe mein Leben lang um die Anerkennung meiner Eltern und das Gefühl geliebt zu werden.
Ich dachte, ich musste nur besser und außergewöhnlicher sein als die anderen um endlich Anerkennung zu erfahren, um endlich geliebt zu werden.

Ich machte mich bereits in Kindertagen krumm, setzte mich einem enormen emotionalen Stress aus – zusätzlich zudem, der sowieso schon auf meinen Schultern lastete, nur um einmal aus dieser emotionalen Kälte herauszukommen. Ich hatte immer das Gefühl nicht gut genug zu sein. Ich kämpfte permanent mit Selbstzweifeln, Hass und Angst.

Aufgrund der angespannten Verhältnisse Zuhause fiel es mir schwer zu vertrauen, denn zu oft wurde es missbraucht und als dann auch noch die einzige Person verstarb, die mir die Welt bedeutet hat, brach für mich eine Welt zusammen.

Neben Schuldgefühlen, Selbstzweifeln, Selbsthass und Angst, kam Wut hinzu. Unendliche Wut.
Ich war an einem Punkt angelangt, der mich so gut wie gebrochen hatte. 
Die einzige Person, die mich bedingungslos geliebt hatte und mir das Gefühl gegeben hatte etwas Wert zu sein, war weg.
Jede männliche Bezugsperson die ich jemals hatte, verschwand urplötzlich von der Bildfläche.

Ich distanzierte mich, zog mich zurück und igelte mich ein.
Ich ließ keinen mehr an mich ran, aus Angst ihn wieder zu verlieren. Ich war emotional nicht mehr nur angeknackst, sondern am Boden.
Doch statt für mich da zu sein, wurde ich von meiner Familie belächelt.
Ich hatte nicht mehr nur noch an der Scheidung und dem komplizierten Verhältnis zu meinem Eltern zu knabbern, sondern nun auch mit dem Verlust der wichtigsten Bezugsperson in meinem Leben.
Das alles führte dazu, dass ich mir eine Mauer aufbaute. Ich schrie Zuhause gegen die Wand und draußen stumm in mich hinein, um es mit den Worten von AnnenMayKantereit zu sagen.

Ich war ein emotional hoch explosives Pulverfass mit dem perfekten Pokerface.
Jahrelang wurde ich psychisch und emotional missbraucht, ob bewusst oder unterbewusst weiß ich nicht.

Aus diesem Grund flüchtete ich mich in meinen Jugendjahren in Beziehungen. Ich suchte jemanden, der diese emotionale Kälte die ich von Geburt an erfahren hatte, ausfüllte. Jemand, der mir das Gefühl gibt, geliebt und anerkannt zu werden, jemanden der mir das Gefühl gibt, gut genug zu sein.

Aber auch dort, verbog ich mich. Ich wollte es immer allen recht machen und hätte alles getan um die Person mir gegenüber glücklich zu machen, einfach aus Angst sie sonst zu verlieren.

Ich glitt von Beziehung zu Beziehung aus Angst vor dem alleine sein. Ich konnte die Stille einfach nicht ertragen, denn für mich war sie ohrenbetäubend. Für mich bedeutete sie, sich mit dem auseinanderzusetzen was mir passiert war und diesen Teil meines Leben hatte ich tief in mir weggesperrt. Ich wollte mich damit nicht auseinandersetzen, ich wollte die Augen davor weiter verschließen, denn die Wahrheit tut weh und ich hatte genug gelitten.
Ich war also verliebt in das Gefühl verliebt zu sein und das obwohl ich mich selbst nicht lieben konnte.
Und wie willst du jemanden lieben, wenn du dich selbst nicht liebst.
Wie willst du jemandem vertrauen, wenn du dir selbst nicht vertraust, wenn du nie gelernt hast, was vertrauen bedeutet.

Ich war ein hoch emotionaler Mensch, der viel zu geben hatte aber irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich mich vor den Menschen die mich mochten zurückzog und meine Mauer aufbaute. Ich konnte keine Komplimente oder Gesten der Zuneigung annehmen, da es für mich eine vollkommen surreale Vorstellung war, dass mich jemand lieben könnte.
Ich tat unterbewusst also alles dafür, dass die Beziehungen zerbrachen. Ich wollte, dass diese selbsterfüllende Prophezeiung, die mir von Kindesbeinen an vermittelt worden war, um jeden Preis eintrat. Ich wollte, dass mich diejenigen verließen, die mich mochten und die ich mochte, einfach damit ich selbst die Bestätigung hatte, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden. Einfach um am Ende sagen zu können, ich habe es ja von vornherein gewusst.

Mittlerweile bin ich 22 Jahre und kämpfe immer noch mit den Nachwehen meiner Kindheit. Ich kämpfe immer noch dafür, mich selbst zu lieben und zu akzeptieren. Kämpfe immer noch dafür, nicht von der Bestätigung und Zuneigung anderer abhängig zu sein.

Erst wenn du mit dir selbst im reinen bist, vergeben kannst was war und das positive anstatt das negative siehst, mit dem Kopf nach vorn und nicht zurückschaust, dann bist du bereit jemanden aufrichtig zu lieben.
Es ist ein langer und harter Weg zu sich zu finden und sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren aber der Weg lohnt sich. Es lohnt sich zu kämpfen und sich mit Themen die einen belasten auseinanderzusetzen.
Seitdem ich mir meine emotionale Abhängigkeit eingestanden habe und die Ursachen dafür akzeptiert habe, geht es mir besser. Ich konzentriere mich mehr auf mich, achte und schätze mich. Nehme mir Zeit für mich selbst und konzentriere mich auf die positiven Dinge im Leben anstatt der Vergangenheit hinterherzutrauern, frei nach dem Motto „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung“.

Dies war ein Gastbeitrag von Saskia, vielen Dank dass du deine Erfahrungen hier geteilt hast.

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