Recovery ist keine gerade Linie

Recovery ist kein gerader Weg, der automatisch ins strahlende Licht des Gesund-seins führt. Jede*r Erkrankte weiß das, aber, wenn der Rückschlag dann kommt, wird trotzdem alles in Frage gestellt. So ergeht es auch mir gerade, akut und seit fast zwei Jahren durchgehend.

Aber vielleicht zunächst noch zu mir. Ich bin inzwischen Mitte 30. Vermutlich hatte ich schon als Kind psychische Probleme, war sehr schüchtern und wurde daher bis zur Oberstufe was durchgehend gemobbt. Irgendwann kam ich damit aber klar,  ich zog Selbstbewusstsein daraus eben ein Außenseite*r zu sein und hatte einen sehr kleinen Zirkel an Freunden.

Für meinen ersten richtigen Freund zog ich dann mit 17 sehr weit weg von meinem Elternhaus (Beziehung zu meinen Eltern: ein Kapitel für sich). Die Beziehung war, vorsichtig ausgedrückt, nicht das Gelbe vom Ei. Dann trennten wir uns, blieben aber noch zusammen wohnen, damit ich mein Abi noch fertig machen konnte. Ich verliebte mich dann in jemanden, der mich zurückwies. In meiner stressigen Lebenssituation mit Ex-Freund und Prüfungen war das zu viel und ich begann mich selbst zu verletzen, Von Freunden drauf angesprochen, realisierte ich zum ersten Mal, dass „etwas mit mir nicht stimmt“.

Kein*e Therapeut’in wollte mich aufnehmen

Ich zog mal wieder weit weg und begann mein Studium. Gleichzeitig suchte ich mit 20 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben therapeutische Hilfe. Ich war mir sehr sicher, dass sie mich wegschicken würden und sagen würden „mit Ihnen ist alles in Ordnung“. Das Gegenteil war der Fall: Kein*e Therapeut’in wollte mich aufnehmen, weil sie der Meinung waren, dass sie mir nicht genügend Hilfe geben können. Ich solle doch lieber erst Mal in eine Klinik gehen für mindestens 6-8 Wochen. Nichts lag mir ferner, hatte ich doch grad erst einen Umzug hinter mir und die erste eigene Wohnung.  Diese Option lehnte ich kategorisch ab und schließlich fand ich eine Therapeutin, die bereit war, mit mir zu arbeiten. Leider ging das ganze nach hinten los. Ich hatte damals noch keine Ahnung von den verschiedenen Therapieformen und wusste nicht, dass der tiefenpsychologische Ansatz vielleicht nicht gerade das richtige für mich war in dieser Situation. Zudem fand ich keinen Zugang zu ihr und so brach ich die Therapie schließlich ab.

Erst zwei Jahre später konnte ich dank einer langjährigen lieben Freundin zu einer Therapeutin, bei der ich trotz anfänglicher Skepsis ihrerseits, endlich eine erfolgreiche Therapie abschließen konnte. Ich bekam ein Stück meines Lebens zurück. Danach kämpfte ich mich so weit alleine durch, schloss mein Studium tatsächlich nach langen Jahren des herumprobierens ab und viel erstmal in ein Loch, dass ich mit viel Alkohol und selbstzerstörischen “Beziehungen“ füllte. Nebenher versuchte ich einen Job oder ein Volontariat zu finden. Da ich nicht weiterkam, wechselte ich noch mal die Branche und so kam es, dass ich nach fast 10 Jahren erneut umzog, da es an meinem bisherigen Wohnort kaum Jobs in dieser Richtung gab. (und die, die es gab waren für mich sehr niederschmetternde Erfahrung, aber das nur am Rande).

Ich gab alles, um zu beweisen, dass ich etwas kann

Neues Praktikum, kein Freundeskreis, wenige Bekannte (immerhin) und eine fremde Umgebung erwarteten mich. Ich biss mich durch meinen ersten desaströs unterbezahlten Job. Ich gab alles, um zu beweisen, dass ich etwas kann. Natürlich zehrte dies an meinen Kräften und ich versuchte wieder einen Therapieplatz zu bekommen. Aufgrund des Therapeutenmangels gab es natürlich wieder nur Wartelistenplätze und für das Kostenerstattungsverfahren hatte ich neben dem Job einfach keine Kraft mehr und so warf ich die Flinte ins Korn.

Dies rächte sich ein knappes Jahr später, wo ich mich durch meinen zweiten Job biss, der mir psychisch und körperlich alles abverlangt. Ich wollte mich immer noch beweisen, war immer noch absurd unterbezahlt. Ich bekomme sämtliche Stresssymptome, wie z.B. Nesselsucht. Ich stand vermutlich kurz vorm Burnout und zweifelte mein gesamtes Leben an.

Dieses Mal wusste ich, dass ich etwas tun muss und ich kein halbes Jahr mehr Zeit für irgendwelche Wartelisten hatte. Ich hatte das Gefühl allmählich die Kontrolle zu verlieren und komplett erschöpft. So entschied mich nun schließlich doch für das Kostenerstattungsverfahren und bekam so schnell die dringend benötigte Hilfe bei einem Arzt und Therapeuten, der vorher lange in einer Klinik gearbeitet hatte.

Tatsächlich schaffte ich durch die Therapie, sehr viele Denkstrukturen und Verhaltensweisen zu erkennen und auch abzulegen.

Irgendwann war leider der Punkt erreicht, an dem die Krankenkasse die Therapie nicht mehr erstatten wollte.  Mein Therapeut war auch der Meinung, mich ziehen lassen zu können, da ich stabil schien und so viel erreicht hatte.

Zum Thema Recovery und Rückschläge

Hier komme ich nun endlich wieder zum Thema Recovery und Rückschläge zurück.  Es war eigentlich nur ein kleines, recht unbedeutendes Event vor knapp 2 Jahren. Nach einem einvernehmlich beendeten Beziehungsversuchs, gab es eine WhatsApp-Konversation, die alles wieder triggerte und die dazu führte, dass ich mich als Menschen und mein komplettes Leben in Frage stellte.  

Mir war es nicht bewusst, aber unterbewusst, gab ich mir die Schuld an allem, hinterfragte alles . Dies brodelte in mir und ich wurde immer depressiver – es war fast so als wär alles aus der Therapie durch diese eine Diskussion weggewischt. Ich hatte keinen Spaß mehr, ich zog mich immer mehr zurück, verbrachte einen ganzen Sommer fast ausschließlich mit Netflix im Bett. Ich konnte meinen Job  (bei dem zunehmend noch die Wertschätzung nachließ) nicht mehr in Vollzeit ausüben und Gedanken an Selbstverletzung und Suizid waren an der Tagesordnung. Ich schleppte mich dann wieder zu meinem Therapeuten, den ich nun zwangsläufig selbst teuer bezahlen musste. Dies war die einzige Möglichkeit, schnell Hilfe zu bekommen. Er verschrieb mir zum ersten Mal ein Medikament (Escitalopram) und zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich akzeptieren, dass ich medikamentöse Hilfe benötige. Ich hat bis dahin schon alles andere durch: Yoga (bis heute meine große Leidenschaft), Meditation, Selbsthilfe-Bücher, etc p.p. Ich war an einem Punkt, wo ich einfach alles versucht hätte. Zum Glück schlug das Medikament recht schnell an und ich spürte eine Entlastung, der schwere Schleier auf mir, war nicht mehr so schwer.

Aufgeben war keine Option

Wie ich eben so bin, mutetete ich mir dann sofort eine neue Herausforderung zu. Endlich jene oben erwähnt liebe Freundin am anderen Ende der Welt „Down under“ zu besuchen, wohin sie fast 2 Jahre zuvor ausgewandert war. Ein ganzes Jahr kein Urlaub gemacht, um lange frei nehmen zu können, dadurch komplett ausgelaugt und dann alles, was ich hasse in einem Urlaub: alleine reisen, mega lange Fliegen, Back Packing. Die Wochen vorm Abflug waren eine einzige große Qual, ich wollte es absolut nicht nicht mehr machen, aber letztlich hatte ich mich für diese Aktion schon finanziell einigermaßen ruiniert (ich habe mich finanziell bis heute nicht davon erholt), so war aufgeben keine Option.

Zum Glück, denn diese Wochen in Australien waren vermutlich die besten meines bisherigen Lebens. Es ist zwar furchtbares Klischee, dass wir Westeuropäer* in ferne Länder fahren, um sich endlich selbst zu finden, doch für mich war es enorm wichtig festzustellen, dass ich es gepackt hab, in einem anderen Land ohne mein normales Support-Netz aus Freunden und Therapie klar zukommen und auch noch Spaß dabei hatte. Ich stellte fest, wie sehr ich das Meer vermisse (ich bin an der Ostseeküste ausgewachsen) und dass allein schon der Anblick von Wellen, Glückshormone in mir freisetzt. Außerdem stellte ich fest, wie viel mir Yoga gibt und wie wichtig es ist, mit meinem Körper achtsam umzugehen. Ich lernte viele tolle Menschen kennen und traf lang vermisste liebe Menschen wieder.

So weit, so gut. Klingt traumhaft. Irgendwann ist jedoch jeder Urlaub vorbei und ich musste zurück ins kalte Deutschland, um festzustellen, dass die Stimmung an meinem Arbeitsplatz sich weiter verschlechtert hatte in meiner Abwesenheit.

Willkommen am „rock bottom“!

Ich macht mit mir selbst aus, nie wieder Dinge auszuhalten, um irgendwem irgendetwas zu beweisen. Ich wollte nur noch Dinge tun, die mir guttun. So kündigte ich meinen Job und versuchte, der Medienbranche den Rücken zuzukehren. Ich fand durch Zufall einen neuen Job. Leider kam ich jedoch vom Leben in die Traufe. Die Arbeitszeiten waren schlimmer als je zuvor, dazu kam noch ein langer Anfahrtsweg, eine strenge Chefin und – mal wieder – geringe Wertschätzung. Nach zwei Wochen war ich bereits wieder am Ende meiner Kräfte und bereute mal wieder sämtliche Entscheidungen in meinem Leben. Zeitgleich versuchte ich mich auch mal wieder an meinem Liebesleben. Nach weiteren zwei Wochen wurde mir gekündigt und ich stellte zum gleichen Zeitpunkt fest, dass er Mann, den ich viel zu schnell in mein Leben gelassen hatte, mir nur etwas vorgemacht hatte. Willkommen am „rock bottom“!

Innerhalb von zwei Monaten hatte ich  nun zwei Jobs durchgebracht. Ich wusste nicht mehr wo, oben und unten ist. Ich verschuldete mich weiter, in dem ich noch mal wieder meinen Therapeuten aufsuchte, den ich weiterhin aus eigener Tasche bezahlen musste.  Zu dieser Zeit hatte ich Mal wieder eine Phase, in der ich häufig und sehr viel Alkohol trank. So sehr, dass mein Therapeut drohte mich nicht mehr weiter zu therapieren

Glücklicherweise gelang es mir, neue Ziele zu definieren (kein Vollzeitjob mehr, Wertschätzung einfordern, mehr Rücksicht auf mich selbst nehmen) und innerhalb eines Monats, fand ich einen neuen Job. Ich bekam weniger Arbeitszeit und mehr Gehalten, mehr Wertschätzung und auch privat lief es gut mit neuem Freund.

Dennoch ließ mich da Gefühl nie los, ich müsse mich beweisen und dass ich als Teilzeit-Kraft weniger wert wäre als meine Vollzeit-Kollegen. Ich hatte dadurch auch große Angst, dass jemand etwas von meine  psychischen Problemen erfahren könnte. Ich so hielt ich meine Kollegen alle aus meiner Social Media Welt heraus, in der ich häufig zum Thema Mental Health poste. So schloss ich mich aber dennoch ein Stück aus der Gruppe aus, was mir weiterhin das gute alte Gefühl gab, nicht dazu zugehören und nicht gleichwertig zu sein.

Die Depression nahm ihre Chance und kam schleichend zurück. Ich verschlief oft, weil ich ein absurd hohes Schlafbedürfnis von 10-12 Stunden hatte. Ich kam regelmäßig zu spät und oft hörte ich meinen Wecker einfach stundenlang nicht. Dies löste bei mir große Panik aus, meinen Job durch die Krankheit zu verlieren. Bei meinem Therapeuten war ich auch finanziellen Gründen seit Monaten nicht mehr. Als ich schließlich eine Erkältung verschleppte, aus Angst meinen Job zu verlieren, und dann richtig krank wurde, bin ich endlich losgezogen, um mir einen Therapieplatz zu besorgen. Bisher habe ich nur einen mittelmäßigen Psychiater gefunden, auf die Therapie warte ich bis heute noch.

Zeitgleich führte mein ewiger Drang, mich beweisen zu müssen, dazu, dass ich bei meiner Firma einen Job annahm, der für mich so ungeeignet war, dass es zum Himmel schrie. Doch ich ignorierte alle Warnzeichen und wollte das Projekt unbedingt machen. Ich arbeite mehr als Vollzeit, teilweise fast 80 Stunden die Woche und auch nachts und am Wochenende.  Natürlich ging das nicht lange gut, bis ich wieder den Wecker nicht hörte und dann ein weiteres Mal so spektakulär verschlief und dadurch komplett zusammen brach, dass ich zum Arzt musste, der mich erstmal krank schrieb. Ich hatte die Panik meines Lebens, meinen Job nun endgültig zu verlieren. Spoiler: ist nicht passiert, im Gegenteil. Denn trotz allem, leiste ich gute Arbeit und bin gut indem, was ich beruflich mache.

Ich ignorierte alle „red flags“

Da ich nicht ich wäre, wenn ich nicht noch einen weiteren Weg gefunden hätte, dem Ganzen noch einen drauf zusetzen. Mit dem steigenden Stress und der andauernden Erschöpfung, kamen bei mir alte Verhaltensmuster wieder hoch.

Bin ich vor dem Job trotz allem noch vom Notfall-Psychologen für meine reflektierte Art um Umgang mit Männern und Beziehung gelobt worden, so wäre dieser vermutlich über mein Verhalten schockiert gewesen(ich nicht).  Ich suchte mir zielsicher jemanden, von dem ich von Tag 1 wusste, er wäre nicht gut für mich und dass es schlecht ausgehen wird. Noch dazu, weil wir teilweise zusammen arbeiteten. Dennoch ignorierte ich alle „red flags“ und stürzte mich mit Anlauf und vollem Bewusstsein ins offene Messer. Hallo, selbstzerstörische Tendenzen, da seid ihr ja wieder! Das Ganze gipfelte dann in einem Alkohol getränkten Showdown auf einer Firmenfeier. Say no more!

Zack, bin ich wieder bei meinen alten Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, starker Depression. Ich weiß, ich hätte beides niemals so weit kommen lassen dürfen. Ich mache mir selbst Vorwürfe.

Aber am Ende des Tages bringt es nichts. Ich habe beschlossen, das Ganze zu sehen wie es ist. Es war ein Rückschlag, ein Rückfall in alte Verhaltensmuster, ausgelöst durch wochenlange Überforderung. Es muss nicht bedeuteten, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren habe. Ich kann mich noch Wochen für alles geistig foltern oder eine andere Wahrheit akzeptieren. Recovery is not a straight line. Es war ein Rückschlag und nun gilt es wieder aufzustehen, sich kurz zu sammeln und den Weg Richtung Recovery wieder weiter zu gehen.  Mental Health Warrior geben so schnell nicht auf! Lasst uns gemeinsam den Weg gehen und uns gegenseitig unterstützen – sei es auch nur durch das Teilen der Erfahrung.. Keine Person ist ein*e Versager*in, nur weil es Rückschritte gibt und ihr seid nicht allein. Ich glaub, das ist vielleicht alles, was ich mit diesem Text bewirken möchte. Lasst euch nicht unterkriegen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.