Recovery – (M)ein Doppelleben

Die Genesung von einer psychischen Erkrankung und der Umgang damit sind nicht immer einfach. Leserin Liv aka @liviaxmry schreibt im folgenden Beitrag über ihre Erfahrungen damit und die Doppelmoral, die sich darin manchmal versteckt.

Mit elf Jahren war ich das erste mal bei einer Psychologin, mit zwölf Jahren habe ich die Diagnose der Zwangsstörung erhalten und mein erstes Medikament verschrieben bekommen. Dann kamen selbstverletzendes Verhalten und heftige Wutanfälle dazu, und mein absoluter schulischer Absturz. Von meinem dreizehnten bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr existierte ich dann hauptsächlich in therapeutischen Wohngruppen und Psychiatrien, ging bis auf kurze, scheiternde Versuche auch nicht mehr auf eine Regelschule, sondern auf eine Förderschule für emotionale Entwicklung, und hatte kaum Kontakt zu Gleichaltrigen, die nicht selber ziemlich viel mit sich auszumachen hatten. Alle um mich herum waren krank, und ich hatte nicht das Gefühl, jemals wieder am „normalen“ Leben teilhaben zu können. Partys, Beziehungen, andere typisch pubertäre Erfahrungen waren nicht drin.

Nun bin ich Mitte zwanzig, und habe das für mich Unvorstellbare geschafft: Ich wohne mit meinem tollen Freund zusammen, verletze mich schon lange nicht mehr (bis auf zwei Rückfälle in vier Jahren), und arbeite selbst mit psychisch erkrankten Jugendlichen, ein Job, der mir liegt und mich erfüllt. Ein kompletter Rollenwechsel also, ich lebe selbstbestimmt, kann eigene Entscheidungen treffen, was früher oft undenkbar war. Trotzdem habe ich immer die Angst, irgendwann nochmal scheitern zu können, dass die Vergangenheit mich einholt.

 

“Die wollten nicht, dass ich eine Ausbildung anfange”

Es war alles andere als einfach, wieder in einen geregelten Alltag zurückzufinden. Unterstützung von meinen damaligen Betreuern habe ich nicht erfahren, weswegen ich mich damals dafür entschied, diesen Weg alleine zu gehen. Die wollten nicht, dass ich eine Ausbildung anfange, ich „sei noch nicht so weit“, hieß es. Und das hieß es immer, das wollte ich mir nicht mehr bieten lassen. Ich wollte endlich meinen eigenen Lebensentwurf leben.
Das war ziemlich schwierig, aber ich merkte einfach, dass es für mich keine andere Alternative mehr gab. Entweder ich schaffte den Absprung alleine, oder würde für immer in der Isolation versauern. Die Psychiatrie die damals für mich zuständig war, war der reinste Horror, also war auch das keine Alternative mehr. Aber irgendwie tat mir dieser Druck ganz gut, es gab keine Fluchtmöglichkeit mehr.

Damals war die Krankheit ein großer Teil meiner Identität. Doch ich merkte schnell, dass es Betroffenen nicht gerade leicht gemacht wird, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren und sich von der schädlichen Vergangenheit loszusagen. Mal mangelt es an Angeboten und Unterstützung. Aber besonders das negative Stigmata und den Identitätskonflikt (gesund vs. krank) empfinde ich als schwierig.

 

“Aber oft fühle ich mich so, als führe ich ein Doppelleben”


Die Gesellschaft scheint meiner Meinung nach also oft nur „krank“ und „gesund“ zu kennen. Psychische Beschwerden? Das ist wohl definitiv tausendmal verwerflicher als eine körperliche Erkrankung, die einen lahm legt.
Und ich bin froh, nicht mehr als krank angesehen zu werden, und mein Leben gestalten zu können. Aber oft fühle ich mich so, als führe ich ein Doppelleben. Denn auch wenn sich viel zum Positiven verändert hat, geht es mir noch lange nicht immer gut, obwohl ich das Leben liebe. Ich kann es einfach oft nicht genießen. Und ich bin auch nicht in jedem Aspekt gesund.
Ich werde wahrscheinlich mein Leben lang Zwangsstörungen in irgendeiner Form haben, die man mir mittlerweile nicht mehr anmerkt, zumindest nicht im öffentlichen Leben, nur im Privaten. Mein Kopf kennt seit dem Kindesalter nichts anderes als zwanghafte Strukturen, für andere Leute irrationale Verknüpfungen. Das schränkt meine Freizeit ein, aber zum Glück nicht mehr meine alltägliche Handlungsfreiheit.

Auch fühle ich mich seit dem Kindesalter oft unwirklich, wie in einem endlosen Traum. Vor ein paar Jahren hatte ich eine furchtbare Panikattacke, und seitdem ist dieses Gefühl durchgängig. Paradoxerweise verschlimmerte sich dieses Empfinden seit meiner offiziellen „Recovery“ erheblich. Vielleicht, weil ich nicht mehr auf meine altbekannten, aber selbstzerstörerischen Copingstrategien zurückgreife.
Ich leide an dem chronischen Derealisations-  und Depersonalisationsyndrom. Ständig fühle ich mich wie in Watte gepackt. Nein, das merkt man mir nicht an, aber es schränkt mein Wohlbefinden und die Sinnhaftigkeit im Leben extrem ein. Richtig glücklich bin ich nie, da ist immer dieser traumartige Schleier darüber, der mich zweifeln lässt und mich verwirrt.
Nachts habe ich oft Todesangst, beziehungsweise das Gefühl, mich gleich einfach in Luft aufzulösen: ich spüre dann keinen Halt mehr und das Gefühl kommt scheinbar aus dem Nichts. Greifbare Gedanken, das grundlegende Realitätsgefühl, alles scheint in diesen Momenten zu verschwinden. Niemandem kann ich dieses Gefühl ausreichend erklären. Nicht, weil meine Freunde wenig Verständnis haben oder nicht empathisch sind, aber es gibt immer noch zu wenig Aufklärung über einige psychischen Leiden. Wo soll man dann anfangen zu erklären, wenn man sich mitten im Satz anfängt, zu schämen.

 

“Früher konnte ich einfach mal in eine Klinik gehen”


Natürlich versuche ich immer noch, diese Probleme anzugehen und zu optimieren, aber oft fehlt dafür einfach die Zeit. Ich besuche zwar seit einem Jahr wieder eine wirklich einfühlsame Therapeutin, doch kann ich die Sitzungen nur unregelmäßig besuchen. Auch in einigen Spezialkliniken war ich, aber das ist lange her. Früher konnte ich einfach mal in eine Klinik gehen (was mir oft nichts gebracht hat, da ich damals leider ziemlich eklige Erfahrungen gemacht habe, aber ich war einfach flexibler im Umgang mit meiner Störung), wenn nichts mehr ging. Heute habe ich eine Ausbildung, die ich sonst verliere.

Früher, als ich „offiziell“ krank war, konnte ich in solchen Momenten zumindest offen zugeben, dass es mir mies geht. Ich hatte ja nichts zu verlieren. Ich möchte heute gar nicht mehr in Verbindung mit meinen Krankheiten gesehen werden, würde doch manchmal gerne einfach minimal authentisch damit umgehen können, oder die Anerkennung bekommen, die ich mir manchmal wünsche, denn diesen Alltag zu leben mag für andere selbstverständlich sein, für mich ist es das immer noch nicht. Ich bin zwar ziemlich belastbar, da mich Stress meistens eher ablenkt und ich fast dankbar dafür bin , das heißt aber nicht, dass ich damit glücklich bin. Manchmal würde ich einfach gerne authentischer sein, nicht dieses komplette Doppelleben führen zu müsen, Verständnis bekommen. Das war früher möglich, in Augen der meisten vollkommen „recovered“ geht das selten. Doch kann ich die Maske vor ein paar wenigen, wunderbaren Leuten fallen lassen, was mir die Kraft gibt, in Momenten der totalen Überlastung weiterzumachen.

Zudem nehme ich immer noch fast meine volle Klinikdosis Seroquel, momentan sind es 550 mg. Mein Antidepressivum vertrage ich gut, aber das Antipsychotikum passt einfach nicht mehr in meinen Alltag. Mittlerweile schaffe ich es gut, trotzdem „wach“ zu erscheinen, aber es fordert mich an manchen Tagen extrem heraus. Denn richtig vital bin ich eher selten, da mich das Zeug schon noch in Gewissen Maße ab und an vernebelt. Und ich habe große Angst, als faul oder verpennt angesehen zu werden, aber ich kann ja auch niemanden erklären, dass ich immer noch einiges an Neuroleptika schlucke, weil mein Körper davon abhängig ist und ich keine Zeit habe, das Zeug richtig abzusetzen. Denn ohne kann ich wiederum überhaupt nicht mehr schlafen und bekomme widerliche Entzugssymptome.

 

“aber für Psychopharmaka muss man sich anscheinend schämen”

 

Zu meinem Job gehört dazu, mehrere Nachtdienste hintereinander zu haben, und frage mich, wie ich das mit den Medis körperlich packen soll. Denn flexibel bin ich damit nicht. Ich brauche nach einer durchwachten Nacht ohne Seroquel viel Zeit, um daraufklarzukommen. Aber darüber reden? Ein No-go. Bei jedem anderen Medikament wäre das wohl möglich: aber für Psychopharmaka muss man sich anscheinend schämen.

Ich beneide mein altes Ich nicht. Damals hatte ich nur meine Krankheit: das war mein ganzes Selbstkonzept. Heute weiß ich, das ich was kann. Aber ich würde mir so gerne wünschen, irgendwann, dass die Gesellschaft einsieht, dass psychische Probleme nicht bedeuten, nicht kompetent zu sein. Man kann uns Betroffenen durchaus was zutrauen. Und es funktioniert eben nicht so, dass man von heute auf morgen völlig „gesund“ ist, was auch immer das sein soll. Ich bin eine kompetente Erzieherin, ich weiß das, und ja, ich leide in meinem Privatleben trotzdem unter Zwängen, habe Panikattacken, und nehme gezwungenermaßen noch starke Medikamente und habe Narben am ganzen Körper, die niemals weggehen werden.

Ich habe zwar einen toleranten Arbeitsplatz gefunden, der auch ein wenig von meiner Vorgeschichte weiß, aber ich habe Angst, noch nicht genug zu sein. Ich habe manchmal Angst, dass mir das Ganze letztendlich ein Bein stellt und dann der jahrelange Kampf umsonst war.
Ich weiß, dass es vielen Menschen psychisch nicht gut geht: auch denen, die noch nie eine Diagnose oder eine Behandlung erhalten geben. Und auch ist nicht alles gleich krankhaft: es gehört zum Leben dazu, mal extrem traurig zu sein, schlapp zu sein, von einem Gedanken nicht loszukommen. Und gerade deshalb, ist es so komisch, dass diese Schubladen immer noch existieren.
Und dann wundern sich viele, warum manche Leute sich nicht trauen, den Schritt zurück ins Leben zu wagen. Man fühlt sich nicht unbedingt immer willkommen.

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht rumheulen, wie schwer ich es doch habe, denn es ist meine Entscheidung, mein eigener Anspruch an mich, das alles immer durchzuziehen. Ich könnte mir ja auch einfach mal eine Pause gönnen, versuchen, einen anderen Weg zu finden, wenn es gar nicht mehr geht. Aber da ist diese Angst, das Leben zu verpassen, eben weil ich schon so viel verpasst habe.

Ich möchte einfach mal Gedanken loswerden, die sonst wenig Platz finden und allen eine virtuelle Umarmung schicken, die ebenfalls diesen täglichen Spagat einstudiert haben. Und auch denen, die in ihrer Krankheit noch komplett gefangen sind. Es lohnt sich, das Leben wieder anzugehen, und es ist auch möglich, auch wenn es manchmal nicht so scheint.
Ich wünsche uns den Mut, zu uns zu stehen, und der Gesellschaft die Stärke, alte Stigmata zu hinterfragen.

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