Wie du an Demos teilnehmen kannst, auch wenn Menschenmengen dir Angst machen

Stimme erheben und auf Demonstrationen Gesicht zeigen: gar nicht so einfach für Menschen, die an einer Angst- oder Panikstörung erkrankt sind oder Platzangst haben. Wir haben zehn Tipps, wie es trotzdem klappen kann.

(Triggerwarnung: Angststörung, Panikstörung, Psychische Erkrankung, Agoraphobie)

via Jana Seelig

Die Angst vor großen Plätzen

Ob in der U-Bahn, auf Konzerten oder Samstagnachmittag im Kaufhaus: große Menschenmengen machen mir Angst. Warum, kann ich gar nicht so genau sagen. Im besten Fall sorgen sie dafür, dass ich mich einfach ein bisschen unwohl fühle. Im schlimmsten Fall lösen größere Ansammlungen von Menschen in mir Panikattacken aus, die sich anfühlen, als würde ich auf der Stelle an einem Herzinfarkt oder Atemstillstand sterben.

Der Fachbegriff für diese Erkrankung lautet Agoraphobie oder Platzangst. Gemeint ist damit die Angst vor großen Plätzen oder Menschenansammlung. Das Gegenteil davon ist die Klaustrophobie. Umgangssprachlich fälschlicherweise oft als Platzangst bezeichnet, beschreibt sie die Angst vor abgeschlossenen oder engen Räumen. Der korrekte deutsche Begriff dafür lautet folglich „Raumangst“.

Auch gesunde Menschen können betroffen sein

Agoraphobie als alleinstehende Erkrankung ist relativ selten und in den meisten Fällen ein Symptom eines anderen vorliegenden Krankheitsbildes wie etwa Depressionen, Posttraumatischer Belastungsstörung, einigen Persönlichkeitsstörungen und natürlich sämtlichen Angsterkrankungen. Panikattacken können jedoch auch bei ansonsten völlig gesunden Menschen zeitweise auftreten, etwa wenn diese unter starkem Stress stehen oder einen unerwarteten Verlust erlitten haben.

Angststörungen und Panikzustände sind ernstzunehmende Erkrankungen, die in jedem Fall professioneller Behandlung von medizinischem und psychotherapeutischem Fachpersonal bedürfen. Dennoch gibt es einige Tipps und Tricks, die dabei helfen, in stressigen Situationen bei sich zu bleiben und der Angst nicht zu erliegen.

 

Zehn Tipps, wie du dennoch an Demonstrationen teilnehmen kannst

Im Folgenden habe ich zehn Tipps zusammengefasst, die es mir ermöglichen, an einigen Tagen trotz meiner Angsterkrankung an Demonstrationen teilzunehmen.

  • Nimm eine Bezugsperson mit

Eine Begleitperson, der du vertraust und die auf deine Bedürfnisse Rücksicht nimmt, kann dir in großen Menschenmengen Sicherheit geben. Gehe deshalb nicht alleine zu Demonstrationen, sondern nimm einen Menschen mit der weiß, was er zu tun hat, wenn du eine Panikattacke bekommst.

 

  • Denk an deine Notfallmedikamente

Wenn du Medikamente verschrieben bekommst, die du in akuten Angst- oder Paniksituationen nehmen kannst, denk dran, diese mitzunehmen, um sie im Notfall immer griffbereit zu haben. Teile deiner Begleitperson mit, wo sich die Tabletten befinden, sodass sie dir dabei helfen kann, das Medikament einzunehmen.

In der Apotheke gibt es rezeptfreie Medikamente gegen Angst- und Anspannungszustände, darunter beispielsweise Bachblüten. Lass dich hierbei aber unbedingt von pharmazeutischem Fachpersonal beraten, bevor du diese Medikamente einnimmst.

 

  • Bleib während der Demonstration am Rand

Du musst nicht ganz vorne mitmarschieren. Es ist okay, wenn du am Rand bleibst, wo du im Zweifelfalls schnell die Demonstration verlassen kannst, wenn es dir zu viel wird.

  • Leg Pausen ein

Es ist okay, einen Stopp einzulegen und sich kurz zu erholen. Trink einen Schluck Wasser oder Tee und rede mit deiner Begleitperson über das, was du empfindest. Das kann helfen, die eigenen Ängste besser einzuordnen und sich zu versichern, dass keine reale Gefahr besteht. Auf Alkohol solltest du nach Möglichkeit verzichten. Dieser wirkt zwar kurzfristig angstlösend, verschlimmert auf Dauer aber die Ängste.

 

  • Bitte andere Menschen um Hilfe, wenn deine Panik überhand nimmt

Wenn du merkst, dass du nicht mehr kannst, bitte deine Bezugsperson um Hilfe. Bist du alleine unterwegs, versuche, die Menschen in deiner unmittelbaren Umgebung auf dich aufmerksam zu machen und um Hilfe zu bitten. Denk dran: dein Körper funktioniert einwandfrei, es ist dein Kopf, der dir einreden will, dass mit dir etwas nicht stimmt.

 

  • Schütze deine Augen und Ohren

Wenn es dir wie mir geht und du an lauten Orten voller Menschen schnell unter der Reizüberflutung leidest und jedes noch so kleine Geräusch oder Licht wahrnimmst, versuche, wenn möglich deine Augen mit einer Sonnenbrille zu schützen und trage Ohrstöpsel oder Kopfhörer, um die Lautstärke um dich herum etwas zu dämpfen.

 

  • Hab Ammoniak-Lavendel-Ampullen griffbereit

Wenn du das Gefühl hast, gleich in Ohnmacht zu fallen oder du dissoziierst, können Ammoniak-Lavendel-Ampullen dabei helfen, dich ins Hier und Jetzt zurückzubringen. Die kleinen Glasampullen lassen sich einfach mit der Hand zerdrücken und verströmen zunächst einen unangenehm beißenden Geruch nach Ammoniak, bevor beruhigender Lavendelduft seine Wirkung entfaltet. Verletzungsgefahr besteht dabei keine, denn die Glasampullen sind sicher in einer Schutzhülle verpackt. Ammoniak-Lavendel-Ampullen gibt’s in der Apotheke.

Manchen Menschen hilft es auch, statt Ammoniak-Lavendel-Ampullen zu benutzen auf ein scharfes Bonbon oder Chilischoten zu beißen. Bei Demonstrationen, wo die Gefahr besteht, angerempelt zu werden und sich zu verschlucken, ist bei mir persönlich allerdings nicht das Mittel der Wahl.

 

  • Probiere Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen aus

Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen ist eine Entspannungstechnik, bei der durch bewusste An- und Entspannung von bestimmten Muskelgruppen die Entspannung des gesamten Körpers erreicht werden soll. Es empfiehlt sich, das Programm zuerst zuhause auszuprobieren, um zu schauen, ob es für dich hilfreich ist. Auf Youtube findest du jede Menge Tutorials dazu. Das komplette Programm während einer Demonstration durchzuführen kann sich als schwierig gestalten. Was aber in jedem Fall funktioniert, ist abwechselnd die Fäuste an- und wieder zu entspannen, um Panikzustände zu lindern.

 

  • Nimm einen Gegenstand mit, der dir Geborgenheit gibt

Es spricht absolut nichts dagegen, ein Kuscheltier, den Lieblingsschal oder einen Brief einer lieben Person mit auf eine Demonstration zu nehmen, um dir ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Verzichten solltest Du allerdings auf harte Gegenstände wie Glückssteine. Diese könnten dir nämlich im Zweifelsfall als Waffe ausgelegt werden.

Ich selbst benutze sogenannte „Intelligente Knete“, die ich während Demonstrationen mit den Händen knete. So baue ich die überschüssige Energie ab, die ich während Anspannungssituationen aufgebaut habe und die ansonsten droht, sich in Panikattacken zu entladen.

 

  • Klebe ein Pflaster auf eine empfindliche Körperstelle und reiße es bei Panik ab

Nicht jeder Mensch verfügt über die finanziellen Mittel, sich teure Hilfsmittel wie spezielle Skillringe, Knete oder Ammoniak-Lavendel-Ampullen zu kaufen. Bist du knapp bei Kasse, hilft dir vielleicht dieser Tipp weiter, um deine Angst zu lindern.

Klebe ein Heftpflaster auf eine empfindliche Körperstelle, an die du während einer Demonstration gut herankommst. Bei mir persönlich hat sich die Innenseite des Unterarms bewährt. Wichtig ist, dass es sich nicht um ein „Sensitiv-Pflaster“ handelt, sondern eines, das beim Abreißen unangenehm ist und vielleicht sogar ein bisschen weh tut.

Merkst du, dass du auf einen Panikzustand zusteuerst, reißt du das Pflaster mit einem festen Ruck ab. Dadurch wird ein Schmerzreiz auf der Haut ausgelöst, der dich aus deinen Angstgedanken raus und so im besten Fall eine Panikattacke verhindert.

 

Sprich mit einem Arzt, bevor du an einer Demonstration teilnimmst

Wenn du denkst, dass bei dir eine solche Erkrankung vorliegen könnte, sprich unbedingt mit einem Arzt darüber, bevor du meine Tipps befolgst und dich auf Demonstrationen wagst. In einigen Fällen kann es besser sein, auf den eigenen Körper zu hören und zuhause zu bleiben, statt sich Situationen auszusetzen, die einem ungute Gefühle bereiten. Dein Aktivismus ist nicht weniger wert, nur weil du nicht an Demonstrationen teilnehmen kannst und deine eigene Gesundheit geht in jedem Fall vor.

 

Über die Autorin:
Jana Seelig, geboren 1988 in Gelnhausen, lebt als freie Autorin in Berlin. 2015 erschien ihr Buch „Minusgefühle“, das vom Leben mit Depressionen handelt.
Instagram, Twitter, Facebook: @isayshotgun

 

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