Von den depressiven Episoden & Maden

Man hat das Gefühl komplett am Ende zu sein, noch nie zuvor hat man sich so grauenhaft und verloren gefühlt. Man denkt, das man das doch alles schon kenne und warum es nun wieder so schlimm sei. Man fragt sich wie man wieder in dieses Loch gekommen ist und ob man es dieses mal heraus schafft.

Gerade habe ich wieder solch ein extremes Tief hinter mir. (Ich hoffe es) Ich habe seit mehreren Monaten eine Art Durststrecke. Ich habe das Gefühl auf der Stelle zu treten und nicht voran zukommen. Mental gesehen. Die Zeit ohne Therapie macht mir extrem zu schaffen. Ich habe heute die Bestätigung bekommen, dass ich auf der Warteliste einer Therapeutin stehe, die auf Borderline spezialisiert ist. Das ist schon ein kleiner Lichtblick, jedoch besteht erst im Frühjahr die Chance auf einen richtigen Therapieplatz. Ich kämpfe mich durch, wie ich das immer habe. Doch an manchen Tagen fällt es mir extrem schwer.

Die letzten Monate waren ziemlich hart im Bezug auf meine Erkrankung. Ich habe Veränderungen durchlebt, während die offenen Wunden der Vergangenheit noch klaffen. Der Aufenthalt in der Tagesklinik hat vieles Aufgerissen, wobei ich keine Unterstützung in der Verarbeitung erhielt. Auch wenn ich Familie & Freunde um mich zum reden habe, ist das nicht das selbe wie fachliche psychologische Betreuung. Gerade in dunklen Momenten prasseln all diese Dinge auf mich ein. Es ist wie eine Welle, die droht mich unter Wasser zu ziehen.

 

An dieser Stelle eine Trigger Warnung bezüglich Selbstverletzung & Psychosen.
Wenn du dich der Auseinandersetzung mit diesen Themen gewachsen fühlst & sie dich nicht triggern oder einschränken, drücke gerne auf den “Weiterlesen”-Button

 

Ich hatte vor zwei Wochen einen schrecklichen Zusammenbruch, körperlich und psychisch. Stundenlang saß ich weinend auf dem Küchenboden, hilf-und regungslos. Ich hatte das Gefühl in dieser endlosen Spirale düsterer Gedanken festzustecken. Ich wusste nicht wohin mit mir. Eingerollt in einem Kapuzenpulli und Decke verkroch ich mich in meinem dunklen Zimmer, weinte, schrie und wartete auf meinen Freund. Die Gedanken wurden immer düsterer. Das erste Mal seit vier Jahren kam mir während eines Zusammenbruch der Gedanke an meinen alten Skill um Druck abzulassen – Selbstverletzung.

Seit vier Jahren war dies kein Thema mehr in meinem Kopf. Ich hatte dieses Kapitel geschlossen, in eine Kiste gepackt und in der hintersten Ecke meines Gehirns versteckt. Doch Anfang des Jahres in der Tagesklinik wurde es wieder präsent. Täglich würde ich durch andere Patienten mit dieser Thematik konfrontiert. Ich sprach es bei meinem betreuenden Therapeuten an, jedoch bekam ich keine Hilfe weil „ja noch nichts passiert ist“. Also trug ich die halb geöffnete Schachtel wieder mit mir rum. Bei meinem Zusammenbruch vor zwei Wochen kam sie zum Einsatz. Mein Kopf redete mir ein, dass es die einzige Hilfe in dem Moment wäre. Ich war noch nie so erschrocken und beschämt von mir selbst. Unter Tränen erzählte ich meinem Freund davon.

Ich frage mich seit dem, wie ich wieder in solch ein tiefes Loch kommen konnte obwohl ich doch so viel stärker in den letzten Jahren geworden bin. Es war naiv zu glauben, dass ich deshalb nicht mehr schwer depressiv werden könnte. Wissen schützt nicht vor der eigenen Psyche.

Genau das ist auch der ausschlaggebende Punkt. Man kann depressive Phase nicht miteinander vergleichen. Damals waren es andere Umstände, ich war gefühlt eine andere Person und ich hatte ein anderes Leben. Trotz allem bin es trotzdem noch ich und meine Psyche ist immer noch dieselbe. Natürlich habe ich in den vergangenen Jahren viel über mich und meine Erkrankungen gelernt. Vielleicht ist es gerade deshalb so schlimm, weil ich vieles verstehen, nachvollziehen und erklären kann. Ich weiß was von meinem Borderline kommt und was durch äußere Umstände ausgelöst wird. Aber dieses Wissen bewahrt mich nicht davor, wieder in das Loch zu fallen. Natürlich hilft es mir dabei wieder aus dem Loch heraus zukommen. Jedoch muss ich dafür auch auf mich selber hören. Ich bin nämlich Profi darin anderen Tipps zu geben, aber selber diese zu befolgen fällt mir nicht immer so leicht wie gedacht.

Sich immer zu fragen warum es einem jetzt wieder so scheiße geht, obwohl doch alles gut scheint ist nicht hilfreich. Ich habe mich dadurch noch tiefer in mein Loch katapultiert. Ich machte mir Vorwürfe und hasste mich selbst. So sehr dass ich mir Schaden zufügen wollte. Und auch um zu sehen, ob das gerade alles real ist. In solchen Phasen drifte ich in die Derealisation ab. Ich weiß nicht mehr ob das alles echt ist und ob ich wirklich existiere.

Meine Psychose trägt dazu auch ihren Teil bei. Der Schattenmann ist seit Wochen mein treuer Begleiter. Ich habe mich nun auch daran gewöhnt, dass die Gestalt mir nun auch im Alltag folgt. Das ist zur Normalität geworden. Kurios oder? Nun gibt es aber einen neuen Teil der Psychose, den ich zuvor noch nicht von mir kannte. Ich sehe überall Maden. An Obst, an Menschen, auf Oberflächen. Zwar nur auf den ersten Blick, wenn ich noch einmal hinschaue sind sie weg und ich habe das Gefühl wieder in der Realität zu sein. Aber es ist schon belastend und verwirrend im Alltag.

Doch alles in allem hilft es mir, mich so intensiv mit meinen Erkrankungen auseinander zusetzen. Manchmal ist es belastend, zu wissen wieso etwas so ist wie es ist. Aber ich kann es besser verarbeiten wenn ich Fakten dazu habe. Ich bin in den letzten Jahren trotzallem sicherer in dem geworden, wer ich bin, was ich kann und wo mein Platz ist. Ich bemerke enorme Fortschritte an mir und meinem Verhalten, was mich unglaublich stolz macht. Jedoch schützt mich das nicht vor den dunklen Phasen. Denn genau diese können immer wieder kommen, oft scheinbar unerwartet. Aber ich bin ein kleiner Kämpfer, ich schaue mir an wie weit ich schon gekommen bin und ich kann es noch weiter schaffen. So dass ich zufrieden mit mir bin und lerne meine Phasen & Gedanken zu händeln.

Dieser Post ist etwas experimenteller als die anderen auf diesem Blog. Aber ich habe innerhalb des letzten Jahres angefangen über meine Erfahrungen zu schreiben. Es hilft mir beim verarbeiten und verstehen. Außerdem ist es eine Art Ventil für mich geworden. Dies hier ist so gesehen ein kleiner Testlauf. Ich überlege schon lange, diese Ventil-Texte auch hier zu veröffentlichen. Ich würde mich deshalb sehr über Feedback freuen, ob ihr das gerne auch lesen würdet oder eher weniger. Das es sehr persönlich ist weiß ich dabei auch. Doch wenn es euch interessiert könnte dies auch der Testlauf für meinen großen Traum-ein eigenes Buch- werden. Ich freue mich von euch zu lesen!

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