Kurz vor dem Burnout – Eventmanagerin Annika

Im Musik-Business kann es nicht nur zu Belastungen der eigenen Psyche und des Seins kommen, wenn man Musiker ist sondern auch wenn man hinter den Kulissen ein Teil dessen ist. Im folgenden Beitrag schreibt Annika aka @annika___________ über ihre Erfahrungen als Eventmanagerin. 

 

via Annika

Mein Name ist Annika, ich bin 23 Jahre alt und Event Manager.
Nebenbei bin ich auch Mädchen für alles , Community Manager, Content Manager, Fotografin, Runner, PR-Assistenz, Rechercheurin, Moshpit-Wirbler, Redakteurin, Amateurin, Musikjunkie.

Okay, das mit dem Event Manager war gelogen. Offiziell bin ich das nämlich erst in wenigen Tagen wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe*. Seit drei Jahren bin ich jetzt auszubildende Veranstaltungskauffrau in einer Mutlifunktionshalle in Nordrhein-Westfalen.
„Wow, du bist ja nur unterwegs, da hängst du doch bestimmt die ganze Zeit Backstage mit den Stars rum und betrinkst dich.“ Ein Satz den ich schon öfters gehört habe, als ich mich betrinken kann – und genau da liegt das Problem.
Natürlich ist der Job aufregend und spannend – ich liebe ihn über alles!
Es mag durch die rosarote Instagrambrille nach Spaß und Easy Going aussehen, aber jetzt mal ehrlich: 10.000 jubelnde Menschen sehen halt einfach bisschen cooler aus als ich, schweißgebadet um 20:50 Uhr wie ich noch schnell einen Sold Out Award zusammenbastel, weil die Geschenkübergabe verlegt wurde, oder nicht? –
Mittlerweile versuche ich hier ein gesundes Mittelmaß für’s Social Web zu finden. #fürmehrrealitätaufinstagram

 

“das Letzte vor dem schlafen gehen – die Reaktionen zum letzten Social Media Post checken”

 

Wie mein Alltag oft aussah?

Donnerstags Mario Barth, Freitags Berufsschule und danach privat ab zum Parkway Drive Konzert, Samstags Volbeat, Sonntags Revolverheld und Montags wieder ne Klausur in der Berufsschule. Das hieß für mich eine Menge Überstunden, wenig Schlaf und ständig irgendwie online zu sein.  Das erste was ich morgens gemacht habe war nicht Zähne putzen, sondern meine E-Mails checken, das letzte vor’m schlafen gehen – die Reaktionen zum letzten Social Media Post checken. Kamen neue Projekte oder Aufgaben auf mich zu, hab ich sie direkt angenommen. Nicht nur weil das in meinen Augen von mir als Azubi erwartet wurde, aber auch weil ich selbst immer mehr Verantwortung übernehmen wollte.   

Natürlich hat nicht nur der Job dazu beigetragen, dass es im Laufe der Zeit immer stressiger für mich wurde, sondern auch meine Freizeit.

Überstunden hab ich so ziemlich immer im Moshpit abgebaut. Ein exzessiver Job braucht ja auch ein exzessives Hobby, nicht wahr? Minus und Minus ergibt ja auch Plus. Schien mir alles irgendwie logisch. Urlaub hab ich auf verschiedenen Festivals verbracht – entweder privat oder (wie in den meisten Fällen) um als Social Media Manager oder als Botschafter für das Projekt Love Your Tent zu arbeiten. „Ich muss ja mein Portfolio zusammenbauen, sonst gibt das die nächsten Jahre ja nichts mit der Karriere #hallogenerationy

Nach kurzer Zeit hab ich aus meinem Umfeld klare Impulse bekommen, dass ich mir auch mal Ruhe gönnen muss, dass ich das Tempo auf Dauer nicht fahren könne und ich auf mich aufpassen müsste, wenn ich selbst in meiner Freizeit keinen Gang runterfahren könnte. „Alles cool, macht mir doch alles unglaublich Spaß, also ist schon irgendwie alles okay“ – hab ich dann oft geantwortet und für mich war auch wirklich alles voll okay.  

– Naja sowas ähnliches hat Avicii in seiner Doku „True Stories“ auch gesagt und den Rest seiner Geschichte kennt ihr ja leider.  

 

“Eine Panikattacke vom aller Feinsten”

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach einem Jahr kam die erste Gastritis und nach zwei Jahren nicht zuzuordnende Rückenschmerzen – ich hab das alles aber nicht wirklich ernst genommen und trotzdem weitergemacht und nicht wirklich viel geändert. Für mich waren das unabhängige Diagnosen und hey, alle paar Wochen war ich auch mal in der Sauna zum entspannen. Wenn man so richtig durch eine Konzerthalle gewirbelt wird, fühlt man sich ja doch irgendwie im Einklang mit sich selbst, irgendwie runtergekommen bin ich da also nach meinem Empfinden auch, ihr kennt das.

Naja mein Körper war sich, was den Einklang betrifft dann doch nicht so sicher und die Quittung kam dann im Februar kurz vor meiner Abschlussprüfung.
Herzpochen, Zittern, Hyperventilation und eine Welle voller Angst und Unsicherheit wie ich sie noch nie erlebt habe – und das aus dem Nichts. Eine Panikattacke vom aller Feinsten.

Auf dem Weg zur Arbeit dasselbe Spiel und nach einigen erfolglosen Versuchen den Attacken mit Prometazin entgegenzuwirken – Boom, alles auf Null.
Da saß ich also eine Woche später mit meiner Mama im Wartezimmer der LVR-Klinik und wusste garnicht was gerade eigentlich abgeht. Mir ging es doch soweit gut? Und Stress war eigentlich auch nie eine große Sache für mich, gehört ja dazu.
Lieber Körper musst du denn immer im Mittelpunkt stehen und Mimimi schreien? Es gibt doch viel härtere Jobs und andere Leute haben noch ganz andere Probleme als ich. Doch das alles war kein Mimimi und sollte auch nie als solches bezeichnet werden. Ich war einfach auf allen Ebenen überlastet.

Meinem Körper war alles egal, ich hab ihm über Monate vielleicht sogar Jahre kein wirkliches Ventil geboten um Stress abzulassen und jetzt flog mir die Diagnose als großer roter Luftballon um die Ohren. Angststörung nennen die Ärzte wiederkommende Panikattacken, häufig sind sie Teil eines Burn Outs.

“Über mehrere Wochen gehörte mir mein Körper nicht mehr”

 

Über mehrere Wochen gehörte mir mein Körper nicht mehr. Ich hab mich im Spiegel nicht wieder erkannt, habe 10 Kilo verloren weil ich kaum noch gegessen habe und wurde immer wieder von Wellen der Panik heimgesucht. Meine Ärzte verschrieben mir Ruhe und Entspannung. In der Theorie mag das plausibel klingen, aber versuch dich mal zu entspannen wenn deine Abschlussprüfung vor der Tür steht, du weit weg von Topform bist und eh noch nicht ganz verstanden hast was da gerade überhaupt mit dir passiert.

Ich hab letztens noch eine Sendung der RocketBeans geschaut in der die Moderatoren Simon Krätschmer und Daniel Budiman über ihre teils frischen Erfahrungen mit Burnout und die gesundheitlichen Auswirkungen durch ihr stressiges erzählen.  Und da fiel ein Satz , der mir im Nachhinein vieles klar gemacht hat: „Burnout ist dann, wenn du dich entscheidest, dass du keine Energie mehr hast„ 

via Annika

Genau das war bei mir der Fall.  
Also haben meine Ärztin und ich uns zusammen hingesetzt und sie hat mir Sertralin verschrieben, um meinem Körper durch Medikation einen Anstoß zu geben, meine innere Balance wieder zu finden.
Ich bin also erstmal zurück in die Heimat gefahren und habe zwei Wochen damit verbracht die harten Nebenwirkungen zu Beginn der Behandlung in den Griff zu bekommen und  meinen Zustand einfach zu akzeptieren. Ich musste mir darüber bewusst werden, wie ich meine Freizeit zukünftig stressfreier in den Griff bekomme, schließlich wollte ich unbedingt wieder in diese wilde, bunte Branche zurück – das würde aber nur mit einem vernünftigen Ausgleich weiter so gut wie bis her funktionieren. Ich habe mich mit den Themen Meditation und Yoga auseinandergesetzt, war in der Eifel spazieren und habe sehr viele Gespräche geführt. Mit meinen Freund, Freunden die Ähnliches erlebt haben oder mit meiner Familie.   

Ich kannte Themen wie Depressionen und Burn Out ganz gut aus meinem familiären Umfeld, aber wenn dir deine Mama als 14-jähriger Teenager erzählt , dass sie schon mal Angstzustände hatte, dann denkst du wohl eher an die Angst vor Spinnen und Schlangen und nicht daran, dass dir dein eigener Körper auf einmal vorgaukelt, dass du gerade einen Herzinfarkt hast oder sich ein seltener Tumor hinter deine Ohren geklemmt hat.  Ich habe psychische Probleme schon immer ernst genommen, aber nach den letzten Monaten umso mehr.

Seit knapp zwei Monaten geht es mir nun wirklich gut.  Meine Abschlussprüfungen sind rum, ich fühle mich wohl und habe mich und meinen Körper durch die letzten Monate noch besser kennengelernt. So komisch sich das für manche vielleicht anhört, aber ich bin im Nachhinein wirklich froh, dass das alles passiert ist.

Ich habe verstanden, dass ich langfristig auf meinen Körper und seine Signale achten muss. All der Ehrgeiz oder Perfektionismus an deine Leistung bringt dir überhaupt nichts, wenn du am Ende des Tages deine Gesundheit auf’s Spiel setzt. Ich habe ganze 23 Jahre gebraucht um das zu lernen und ich arbeite tagtäglich daran. Natürlich ist eine Ausbildung immer eine Ausnahmesituation, aber allgemein musst du einfach deinen Körper kennen und dir eine Taktik herleiten wie du mit Stress umgehst. Du musst dir Grenzen setzen und einen Ausgleich finden, der dich runterbringt – nur so kannst du erfolgreich im Job bleiben und trotzdem noch entspannen.

Ich habe Outlook von meinem privaten Handy geschmissen, habe jetzt einen kleinen Stressball an meiner Seite und versuche wieder mehr zu joggen als an der PS4 zu daddeln. Joggen mag ich eigentlich nicht, aber seitdem mir mein Papa gesagt hat, dass ich Ausdauersport eher als Medizin und weniger als Sport betrachten soll, kann ich mich doch irgendwie damit anfreunden.

Aber das absolut Wichtigste ist zu reden. Psychische Probleme sind kein Tabuthema – und genau deswegen schreibe ich auch diesen Blogbeitrag.
Was früher Rückenschmerzen waren,  ist heute leider in vielen Fällen der Burn Out wenn man nicht auf sich aufpasst. Ich habe noch die Kurve bekommen, aber es gibt durchaus Menschen die monate- oder jahrelang damit zu kömpfen haben. Und warum sollte da eine Grenze gezogen und nicht darüber geredet werden? Schäm dich nie dafür, dass du dir Hilfe suchst.

Natürlich gibt es immer wieder Menschen die psychische Probleme nicht ernst nehmen und dich belächeln, aber ganz ehrlich? Scheiß auf die. Es ist dein Leben, dein Körper und wenn es um deine Gesundheit und dein Wohlergehen geht, musst du einfach egoistisch sein. Wer das nicht nachvollziehen kann, der hat im Leben leider einiges missverstanden.

Ich erwische mich natürlich auch immer wieder dabei, dass ich Accounts sehe und mir denke „Wow, hat der/die ein geiles Leben“ – aber mittlerweile schaue ich da echt zweimal hin. Man kann auch lachen, Spaß und trotzdem den Arsch voll Stress haben. Glaub mir, es gibt mehr Leute die dasselbe durchmachen wie du – und gemeinsam können wir uns auch gegenseitig aus dem Loch wieder rausziehen.
Wie sagten Heisskalt so schön? „Passt bitte aufeinander auf in dieser Scheißwelt“

Cheers,

Annika


*der Artikel wurde im Juni geschrieben, Annika hat ihre Ausbildung abgeschlossen und arbeitet nun Vollzeit als Social Media Managerin

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