Mental Health Warrior – Jule hat Borderline

Der Begriff  “Mental Health Warrior” schwirrt seit einer Weile schon im Netz umher. In einem Interview erklärte ich meine Sichtweise zu diesem Begriff als Widerspiegelung erkrankt zu sein, aber in einem starken Sinne. Eine mentale Krankheit ist immer ein Kampf. Und die Rolle als Kämpfer_in sehe ich darin, diesen Kampf aufrecht und selbständig nach außen zu tragen und damit anderen zu helfen. In den Tiefen des Internets bin ich jedoch nicht die einzige Person, die sich dieser Aufgabe gewidmet hat. Deshalb möchte ich in der Reihe “Mental Health Warrior weitere Persönlichkeiten vorstellen, die ihre Internetpräsenz zur Entstigmatisierung und Aufklärung über mentale Erkrankungen nutzen.

Den Anfang macht Jule aka julesmaydeleine in den sozialen Netzwerken:


 An dieser Stelle eine Trigger Warnung bezüglich Selbstverletzung, Suizid & Vergewaltigung
Wenn du dich der Auseinandersetzung mit diesen Themen gewachsen fühlst & sie dich nicht triggern oder einschränken, drücke gerne auf den “Weiterlesen”-Button

 

Ganz banal zum Start – mein Name ist Jule, oder auch Jules May, ich bin 20 Jahre alt und lebe seit ein paar Monaten in Augsburg. Um meine Geschichte zu erzählen, muss ich ganz früh anfangen:

Mit 2 Jahren habe ich ein traumatisches Erlebnis durchlebt, durch welches ich die engste Bezugsperson im frühkindlichen Alter verloren habe – meine Erzeugerin. Damals hat mich das nicht wirklich mitgenommen, zumindest nicht bewusst, denn an etwas erinnern konnte ich mich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht. Großgezogen haben mich von da an mein Vater und seine neue Frau. 

So wirklich angefangen hat alles, als ich 9 Jahre alt war und auf die weiterführende Schule gewechselt bin. Ich war still, merkwürdig und übergewichtig und – wer hätte es gedacht – wurde gemobbt. Die anderen Kinder ignorierten mich am Anfang nur, liefen vor mir weg und lästerten. Das tat weh, aber war tatsächlich noch auszuhalten, bis ich dann allerdings in die 8te Klasse kam. Meine Mitschüler fingen an, mich zu schlagen, meine Sachen wegzuwerfen, mich zu verfolgen und regelrechte Hetzjagden auf mich zu veranstalten. Mir wurde gesagt, ich wäre fett und wertlos, ich „solle mich doch lieber umbringen“.

Zum selben Zeitpunkt wurde mein Vater psychisch krank, was mich zusätzlich belastete. Mein Outing als homosexuell verschlimmerte die Situation in der Schule. Ich hatte keinen sicheren Hafen mehr und das einzige, was mir noch das Gefühl von Kontrolle gab, war mein Essverhalten.

Ich hörte auf zu essen, übergab mich nach jeder noch so kleinen Mahlzeit und nahm immer mehr ab.  Irgendwann war es so weit, dass ich nicht mal mehr trinken wollte, weil die Zahl auf der Waage dann kurzzeitig etwas höher wäre. Mit 14 kam ich deshalb ins Krankenhaus und kurz danach das erste mal in die Psychiatrie. Diagnose: Magersucht und soziale Phobie.

Ich nahm zu, doch die Probleme hörten nicht auf.

Ich fing an, mich jeden einzelnen Tag selbst zu verletzen, kam mehrmals ins Krankenhaus. Soziale Kontakte hatte ich keine, meine Familie gab mir keinen Rückhalt. Ich bekam Aggressionsprobleme, wurde drogenabhängig. Mein zweiter stationärer Therapieversuch folgte, danach noch mehr. Insgesamt 20, jeder länger als 3 Monate. Ich verletzte mich immer noch selbst und alle meine Probleme wurden trotz Therapien nur noch schlimmer.

2014 wurde ich vergewaltigt.

Über 8 Selbstmordversuche folgten.

Mein längster stationärer Aufenthalt war 2016 und ging über ein halbes Jahr lang, geendet hat dieser mit der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung, schweren Depressionen, generalisierter Angststörung und PTBS. 

Jetzt ist es 2018 und ich habe gelernt, mit allem zu leben.

Gut geht es mir immer noch nicht durchgehend – aber ich lebe und damit werde ich nicht aufhören. 

Ich verletze mich nicht mehr selbst, habe ein stabiles Gewicht und eine relativ normale Haltung zum Essen, bin mittlerweile sogar übergewichtig und kann damit leben, mein Vater und ich haben wieder eine normale und liebende Vater-Kind-Beziehung, ich führe seit 2 Jahren eine glückliche Beziehung mit meiner Freundin.

Meine Krankheiten bleiben aber für immer.

Auf meinem Instagram-Profil @julesmaydeleine mache ich kein Geheimnis aus meinen Krankheiten und Problemen, auch rede ich häufig darüber, wie es ist als fette und lesbische Frau in dieser Gesellschaft zu leben.

Besonders wichtig ist es mir, das Stigma um die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu brechen – denn wir sind mehr als das, wir sind mehr als unsere Symptome und wir sind wichtig, wir leiden.

Ich möchte, dass Leute mit psychischen Krankheiten und Menschen, die nicht in konventionelle Ideale passen, künftig nicht mehr ignoriert und gedemütigt werden.

Ich möchte Leuten, die vielleicht an den selben Sachen leiden, etwas Hoffnung geben, zeigen, dass es besser werden kann und dass man sich niemals wegen Krankheiten schämen sollte!

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