Essstörung – Schluss mit Stereotypen von Paula

via Paula

Wie fühlt es sich an, an einer Essstörung zu leiden? Wie fühlt es sich an, nicht in das Muster der Diagnosekriterien zu passen und trotzdem zu leiden? Wie fühlt es sich an, sich selber keine Hilfe zuzugestehen; ob der zahlreichen Stereotype, mit denen man konfrontiert wird?
Wenn man dann Einsicht in das Störungsbild hat, wieso bleibt man dann bei den schädigenden Verhaltensweisen?

Man muss von vorn beginnen: bei sich selbst.

Um mit meinem Studienfach Psychologie zu beginnen: Ich denke, man wird vermutlich sensibler gegenüber bestimmten Themen. In der Pubertät habe ich begonnen, restriktiv zu essen, mein Verhalten hat sich schleichend verändert und ich habe mich über jedes verlorene Kilo gefreut – nur um am nächsten Tag meinen Körper wieder zu verfluchen. Doch ich wäre nie darauf gekommen, dass ich eine Essstörung haben könnte. Ich habe auf das Psychologiestudium hingearbeitet, aber aus anderen Gründen: Interesse. Dann aber habe ich begonnen, Signale anders zu deuten. Und den Weg, den ich beschlossen habe zu gehen, wäre ich vielleicht nicht angetreten – oder erst viel später, hätte mir das fachliche Wissen und die Einsicht gefehlt. Nicht umsonst ist Psychoedukation ein ganz klares Therapiemittel:  Krankheitseinsicht und Erkenntnis über Zusammenhänge bilden das Fundament vieler Therapieformen.

Am Anfang dieses Weges, zurück zu einem anderen Umgang mit mir und einen anderen Blick auf mich, war es schwer, das Wissen über bestimmte Störungsbilder abzustellen und sich auf die Patient*innenperspektive einzulassen, ja. Und wer weiß, ein gewisser Teil von mir- der, der mich zu der Entscheidung gebracht hat, Psychologie zu studieren- ist eben Teil meiner Persönlichkeit. Einer Persönlichkeit, die sich für die  Funktionsweisen des Verhaltens und Erlebens, von Gefühlen und Motiven, Ängsten und Bedürfnissen interessiert. Das impliziert einen Hang zur Analyse des menschlichen Innenlebens, eben auch des eigenen. Und das ist irgendwie ja auch eine Art von Empathie und Beobachtungsfähigkeit, die kann man nicht abstellen. Aber man kann sich zwingen loszulassen und von vorn zu beginnen: bei sich selbst.

Behandle dich selbst wie deine*n beste*n Freund*in

Psychische Ticks und Störungen sind oft reaktiv und weniger endogen (was so viel heißt wie „im Körper entstehend“): sprich man reagiert auf bestimmte Faktoren auf eine gewisse Art und Weise. Und zwar beispielsweise, weil wir uns selber zu wenig kennen, unsere Bedürfnisse nicht anerkennen, Schwächen nicht zulassen, Stärken ungenutzt lassen. Je mehr Einsicht ich in meine Muster und Bedürfnisse erlange, desto besser geht es mir. Und dazu gehört Akzeptanz. Behandle dich selbst wie deine*n beste*n Freund*in. Erkenne Muster, unter denen du leidest und verstehe, warum automatische Gedankenprozesse ablaufen. Denn erst, wenn man sie versteht, kann man die eigenen Schemata überwinden.

Offenheit und Sensibilität für das Thema

Zu dieser Akzeptanz, die ein Meilenstein auf dem Weg der Genesung ist, gehört auch, so offen damit umzugehen, wie es einem selbst nützt. Dazu gehörte, an einem Punkt, an dem ich es alleine nicht mehr bewältigen konnte, darüber zu sprechen. Mit meiner besten Freundin, mit meinen Eltern, mit meinem Therapeuten, und letztlich mit jeder*m, die*der mir irgendwie näher steht. Und dazu gehört der Mut, mit den Stereotypen, mit denen man sich konfrontiert sieht, aufzuräumen. Dafür muss man sich jedoch zu allererst eingestehen, dass man Hilfe bedarf und sich vor allem erlauben, diese einzufordern. Wer auch immer das nun liest, möge vor allem meinen Beweggrund für diesen Artikel verstehen:
Sensibilität für das Thema zu wecken und Berührungsängste abzubauen.

Ein Schrei nach Aufmerksamkeit?

Denn es fühlt sich verdammt beschissen an, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man leidet. Warum man leidet, auch wenn man vielleicht nicht danach aussieht. Oder warum man leidet, obwohl man doch vom Fach ist. Obwohl man noch leidet, selbst wenn man maladaptive Mechanismen (also Strategien, die einst entwickelt wurden, um das Ich zu schützen, die nun aber mehr schaden als dass sie nützen; üblicherweise sind sie nicht bewusst) erkannt hat – warum diese nicht einfach abstellen? Manchmal frage ich mich, ob man einem Arzt auch vorschlägt, sich selber zu behandeln, wenn er eine schwere Krankheit hat. Eine Krankheut, die ihn schwächt und deren Ausgang ungewiss ist, derer er sich möglicherweise nicht einmal bewusst ist.
Nur leider unterliegen psychische Störungen eben noch viel zu oft Stigmatisierungen. Wer eine Depression hat, solle sich einfach mal nicht so haben und halt mal raus in die Sonne gehen. Wer Angst hat, solle sich der einfach stellen. Wer eine Essstörung hat, schreie doch nur nach Aufmerksamkeit.

Schreie ich nur nach Aufmerksamkeit? Entwickelt man eine Essstörung um der Aufmerksamkeit willen? Das mag ein kleines Stück des Puzzles sein, aber ein sehr kleines. Ein Hilferuf ist es sicherlich, damit nach außen zu treten, aber ab einem gewissen Punkt gehört das eben zur Akzeptanz, dieses Anerkennen der eigenen Krankheit. Und das ist ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem besseren Umgang damit: Den Kompensationsmechanismus erkennen und das Leid, was man sich selber dadurch schafft, infrage stellen. Dazu gehört auch, das im Alltag immer und immer wieder zu thematisieren und zu enttabuisieren, angefangen bei dem eigenen Umfeld.

Das selbst auferlegte Stigma

Man bekommt es mit der Angst zu tun. Angst vor dem sich selbst auferlegten Stigma: Du bist nicht krankhaft dünn, was erlaubst du dir, Hilfe zu erbitten und dich in die Opferrolle zu bringen. It’s all about Leidensdruck. Essstörungen haben so viele unterschiedliche Bilder, Erscheinungsformen, Ursachen, Kompensationsmaßnahmen, und die Bewältigung ist so individuell wie die Betroffenen. Aber vor allem eines haben sie gemeinsam: Man leidet so sehr darunter wie unter jeder anderen (psychischen) Krankheit auch. Und sich tagtäglich mit Stigmata konfrontiert zu sehen, macht es einem im Kampf gegen die inneren Dämonen nicht leichter.

„Ach echt, hätte ich nicht gedacht. Sieht man dir nicht an.“

Sätze wie „Ach echt, hätte ich nicht gedacht. Sieht man dir nicht an.“ entmutigen in einem Kampf, der doch ohnehin schon so viel Kraft kostet. Und by the way: Natürlich sieht man jemandem eine Essstörung nicht zwangsläufig an, es ist eine psychische Störung. Und wohl auch deshalb so schwer zu akzeptieren, weil sie so eng mit Körperlichkeit und dem Körperbild zusammenhängt, assoziiert ist mit Abmagerung, Auszehrung. Und man sich einfach immer wieder fragt: Hab ich eigentlich die Hilfe nötig, bin ich wirklich krank? Oder bin ich nur zu schwach, um abzunehmen? Wenn ich jemandem davon erzähle, werden die das Gleiche denken: „Warum nimmt sie nicht einfach ab, wenn es sie so stört. Andere schaffen es doch auch?“ Man kann sich schnell verlieren in der Spirale. Doch selbst wenn man sich beispielsweise ein Ziel auf der Waage setzt: Wenn man es erreicht, gibt es längst ein neues, was darunter liegt. Wie ein Hund, der seinen Schwanz fangen will, wie die Jagd nach dem Ende des Regenbogens. Dass man sich das eingesteht und immer wieder klar macht, ist sehr wichtig. Dünn sein – das ist assoziiert mit Glücklichsein. „Wenn ich dann irgendwann dünner bin, dann…“ – und so verpasst man sein Leben zugunsten eines Idealbildes, dem man nachrennt, und was sich stets nach unten korrigiert.

Wir brauchen Aufklärung

Wir brauchen in dem Bereich so viel mehr Aufklärung. So viel Leid könnte erspart bleiben, so viele Selbstzweifel. Wieso ist eine Depression salonfähiger als eine Essstörung? Und wieso löst Bulimie Ekel, Magersucht, aber Mitleid aus? In beiden Fällen liegt Selbsthass und eine Infragestellung des eigenen Wertes zugrunde. Das fühlt sich bitterschmerzhaft an und wird außerdem immer wieder getriggert durch Werbung und Oberflächlichkeiten, durch Schönheitsideale und Diätenwahnsinn. Wieso redet man ständig darüber, wer wie wann aussah, wieso neiden viele Menschen anderen den knackigen Arsch, wieso kann man sich gegenseitig nicht einfach wertschätzen, statt den immer unerreichbareren Idealbildern hinterher zu hasten?

Was man sich bewusstmachen muss: Vollständige Rehabilitation gibt es da fast nie. Immer wieder, in schwachen Momenten, bei Misserfolgen, durch ganz individuelle Triggerpunkte, können der Selbsthass und die Selbstabwertung hochkommen.
Man muss sich arrangieren und den Berg hinaufklettern, egal, wie schwer es einem fällt. Es wäre so verlockend, einfach umzudrehen, wieder hinunterzurennen, zurückzufallen in die alten Muster. Aber dann geht die Abwärtsspirale weiter. Wenn man sich nicht selber annehmen kann, kann man nie glücklich werden, egal, wie dünn man wird.

Denn darum geht es letztlich nicht.

Es geht um das Gefühl, niemals gut genug zu sein. Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, das Gefühl, man müsse etwas leisten, um angenommen zu werden. Wie soll man dieses Gefühl beschreiben, sich selber so abstoßend zu finden, dass man aufgrund dessen in ein bodenloses Loch stürzt. Und jeder kleine Sieg, jeder Tag ohne Essen oder jede weitere Stunde Sport, ist letztendlich ein weiterer Rausch, der das Suchtpotenzial erhöht. Man wird süchtig nach der Kontrolle, weil man denkt, seine Bedürfnisse kontrollieren zu können. Das Bedürfnis nach Nahrung wird stellvertretend für all die anderen menschlichen Bedürfnisse. Man fühlt sich stark, wenn man unabhängig von ihnen agieren kann – nur um dann zusammenzubrechen, umgerannt zu werden von der rückläufigen Machtlosigkeit, wenn der Körper sich holt, was er braucht.
Wenn man erkennt, dass man sich selber so sehr verleugnet.

 

Also, ein paar Vorurteile, mit denen es aufgeräumt gehört, möchte ich aus der individuellen sowie aus der fachlichen Perspektive einer Psychologiestudentin kommentieren. (Inspiration dafür lieferte eine Umfrage der Künstlerin Christie Begnell, die ihre Essstörung mit Hilfe ihrer Comics verarbeitet: http://meandmyed.bigcartel.com/)

(Denen, die mit * versehenen sind, bin ich selber begegnet.)

Nur Frauen können Essstörungen entwickeln.

Ich bin eine Frau, okay. Allerdings gibt es auch Männer, die an Essstörungen leiden (oder Menschen abseits der binären Geschlechter). Ein kleinerer Prozentsatz, aber sie leiden natürlich nicht weniger. (Quellen s. unten)

*Wenn du nicht untergewichtig / abgemagert bist, hast du keine Essstörung.

Ist es nicht merkwürdig, dass wir meinen, man erkenne eine Essstörung anhand dessen, wie jemand aussieht? Wir erwarten, dass Menschen mit einer Essstörung auf eine ganz bestimmte Art und Weise aussehen, wir erwarten einen Körpertyp. Das führt weiterhin dazu, dass wir diejenigen, die diesem Typus nicht entsprechen, als „nicht krank genug“ einschätzen gegenüber denen, die unserem „Standard“ einer Essstörung entsprechen. Aber das Gewicht ist nicht ausschlaggebend für den Leidensdruck, den die Person erlebt. Hier wird ein Doppelstandart angewendet, der wiederrum genau dem entspricht, was gesellschaftlich als (einer der vielen) Gründe dazu führen kann, dass Menschen struggeln: Dünn sein, mager sein, das zieht Aufmerksamkeit, Zuwendung. „Dick“ sein nicht (oder sogar normalgewichtig).

Nicht umsonst ist es eine psychische Krankheit. Oder sieht man etwa eine Depression? Es beginnt genauso im Kopf und es kann immer noch dort sein, wenn man wieder Gewicht zunimmt, man kann ebenso besessen sein, wenn der BMI nicht dem von Untergewicht entspricht. Im Mittelpunkt steht eben das Körperbild, sowohl von außen als auch für einen selber. Doch das ist nicht alles, das ist die Spitze des Eisberges. Darunter liegen böse, schwarze Gefühle. Und übrigens, auch wenn man nicht untergewichtig ist, kann die Essstörung ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen. Man verweigert seinem Körper wichtige Nährstoffe, und dass wiederholtes Erbrechen schlecht für den Körper ist, steht außer Frage.
Ich habe mir selbst so lange verweigert, um Hilfe zu bitten: Ich hab mich selbst genauso dem Stigma unterstellt. „Du bist nicht zu dünn, du bist nicht untergewichtig, man sieht es dir nicht an, also was ist dein scheiß Problem.“ Man erlaubt sich selbst nicht, die Schwäche zuzugeben, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, weil man denkt, man verdient es nicht, wenn niemand anderes sieht, wie sehr man leidet. Man belügt sich selber die ganze Zeit, weil man zuerst das Gefühl der Kontrolle genießt. Dabei zwingt man sich, man versagt sich Glücksmomente, man wird verbissen und es kostet so unendlich viel Kraft, permanent gegen sich selbst zu kämpfen.

*Anorexie und Bulimie sind die einzigen Essstörungen.

Bei mir begann es mit der Magersucht, ohne allerdings jemals den Punkt an der Grenze zum Untergewicht zu überschreiten, was ein Diagnosekriterium darstellt. Aber ich litt trotzdem, schränkte meine Nahrungszufuhr ein, behandelte meinen Körper schlecht, bis ich 46 kg wog (bei einer Größe von 167 cm – you see, ich könnte auch einfach ein schlankes Teeniegirl gewesen sein, niemandem ist etwas aufgefallen). Selbst an diesem Punkt war ich nicht zufrieden, natürlich nicht. Später trieb ich exzessiv Sport, rutschte in die Bulimie und es pendelte ab diesem Punkt zwischen den Kompensationsmechanismen.

Es gibt uneindeutige Mischformen, die Besessenheit vom eigenen Körperbild, das nicht gut genug ist, kann selbst dann bestehen, wenn das nicht immer oder permanent in Verhaltensweisen mündet. Und selbst wenn man „normal“ isst, sich nicht mehr übergibt oder anderweitig kompensiert, bleibt der innere Druck bestehen, man bleibt an den selbst auferlegten Regeln dran und hasst die Art und Weise, wie der eigene Körper aussieht. Man fühlt sich schwach, weil man sich weniger einschränkt, und behält sein gestörtes Verhältnis zum Essen. Ich habe nicht verstanden, dass mein Körper Nahrung zum Überleben braucht, war wütend auf diese ungerechte Biologie, die mich tagtäglich immer wieder zu diesem Kampf zwang. Essen wird der Feind, dem man nicht entkommen kann. Und dieser Kampf ist so unendlich ermüdend.

*Essstörungen sind ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Zugegebenermaßen, in meiner Therapie habe ich erkannt, dass die vielleicht einen kleinen Teil ausmachte. Aber nur einen winzigen. Denn: Wieso sollte man dann leugnen und den Umstand verbergen, dass man ein gestörtes Verhältnis zum Essen hat? Über Jahre und Jahrzehnte. Es geht um Kontrolle – die Kontrolle wenigstens in einem Bereich seines Lebens zu behalten. Unerfüllte oder scheinbar unerfüllbare Bedürfnisse stellvertretend zu versagen. Darum, sich wertvoller, liebenswert zu fühlen, etwas zu leisten, da man anderenfalls keine Zuneigung verdient. (Wohlgemerkt: Es geht nicht um sexuelle Attraktivität, sondern um den Wert, den man sich selbst als Mensch gibt.)

Wenn du einmal wieder Gewicht zugenommen hast, bist du geheilt.

Ich habe wieder zugenommen und soll, laut Ernährungsberatung, mein für meine Körpergröße ideales Gewicht haben. Letztlich habe ich gelernt, mich gezwungen, normal zu essen – aber die Heilung ist weit entfernt. Man bleibt besessen von den Gedanken, was man essen darf und sollte, und was nicht. Warum man nicht mehr fähig ist, sich seiner Bedürfnisse zu entziehen und sie zu verweigern. Man fragt sich, warum man diese willensschwache Person ist. Man überdenkt beinahe die ganze Zeit, was man isst und warum man so aussieht, wie man aussieht – fett, abstoßend, wie auch immer man das benennen mag. Man vergleicht sich mit anderen, unfähig, auf die natürliche Stimme des Körpers zu hören, die einem ihre Bedürfnisse mitteilt.

Mittlerweile habe ich mehr gute als schlechte Tage: Tage, an denen die Stimme, die mir leise zuflüstert, was ich heute schon alles gegessen habe, und ob ich den Tag nicht doch nur mit Kaffee überbrücke, weit in den Hintergrund rückt. Ich sperre sie in eine Kiste und verstaue sie in der hintersten Ecke meines Bewusstseins, aber manchmal hört man eben doch noch ein Klopfen oder sie schafft es, den Deckel ein Stück zu heben.

Du kannst dich dazu entscheiden, normal zu essen. Essstörungen sind eine Diät, eine Entscheidung. Die Leute können einfach damit Schluss machen.

Es heißt nicht umsonst Magersucht – es handelt sich um eine Sucht, man ist besessen: von einem Körperbild, von dem Wunsch zu essen, von dem Kick, es sich zu verbieten. Niemand würde das freiwillig wählen, würde sich dazu entscheiden, sich so miserabel zu fühlen. Es ist eine Infragestellung der eigenen Natur und eben nicht umsonst eine psychische Störung. Und oft liegen die Motive viel tiefer, als der bloße Wunsch, dünn zu sein. Da geht es um Selbstwert, da geht es um den Wunsch, liebenswert zu sein, endlich genug zu sein und dabei trotzdem nicht zu viel: Man verleugnet das Bedürfnis nach Nahrung symbolisch für all die anderen, inneren Bedürfnisse.

*Essstörungen basieren auf Eitelkeit. Die Leute bekommen sie einfach nur, um attraktiver für andere zu werden.

Tief drin in diesem Sumpf hat man irgendwann keinen Sex mehr, da geht es nicht darum, besonders anziehend auszusehen. Der Körper arbeitet nicht normal, und man beschäftigt sich nur noch mit einem Thema: Essen – weniger zu essen, aber die ganze Zeit über Nahrungsmittel nachzudenken. Und damit, seinen Körper abgrundtief zu hassen. Man würde sich anderen am liebsten niemals zeigen, egal, wie wenig man tatsächlich wiegt. Aber, vor allem, weil man sich tief drinnen für nicht liebenswert hält. (Dann kann Sex natürlich auch Mittel zum Zweck werden.)

Abseits der sexuellen Anziehung, nun ja. Wenn man sich anhand dessen, was uns abseits der Äußerlichkeiten als Mensch ausmacht, für nicht wertvoll, nicht liebenswert, nicht geliebt hält, dann ist man versessen darauf, wenigstens auf diese Art und Weise Zuneigung zu verdienen. Leider genießt das Aussehen in unserer Gesellschaft eben auch einen hohen Stellenwert – in einem Ausmaß, dass es insbesondere junge Menschen sehr schädigen kann.

Nur gut situierte, junge, weiße Mädchen bekommen Essstörungen. 

Das ist nicht wahr. Jedes Alter (insbesondere auch Kinder), Geschlecht (männliche Essstörungen sind ein ernsthaftes Problem, da oft unterrepräsentiert und unterschätzt bspw. in der Forschung), jede Gesellschaftsschicht und Menschen jeder Hautfarbe sind betroffen/können unter einer Essstörung leiden. Oder bekommen etwa nur männliche Mittelklasse-Dreißigjährige eine Depression?
Ihr seht, worauf ich hinaus will…

*Bei Essstörungen geht es nur um Kontrolle.

Es geht um Verlangen und Verweigerung, es geht um fundamentale Bedürfnisse, von denen man denkt, man verdient deren Erfüllung nicht. Es geht um den Kampf gegen die inneren Dämonen und gegen deine eigene Natur, es geht um Besessenheit vom eigenen Körper als Aushängeschild für Leistung, für Verzicht. Es geht um den Wunsch, endlich liebenswert zu sein, den Standards zu entsprechen und damit etwas wert zu sein.

 

Zum Abschluss möchte ich noch zwei Dinge loswerden.

Zum einen möchte ich denjenigen, die Menschen mit Essstörungen stigmatisieren und diskriminieren und die deren Leid nicht anerkennen, etwas sagen:  Das Gefühl, niemals genug zu sein – nicht dünn genug, nicht fit genug, nicht liebenswert genug – ist furchtbar. Und zwar egal bei welchem BMI. Das Gefühl, sich selber die ganze Zeit infrage zu stellen und sich selbst zu hassen. Ich beispielsweise fürchte mich mehr davor, dass andere Menschen mich so sehen könnten, wie ich mich selbst sehe – abstoßend, fett, unzureichend, unförmig, zu viel – als ich mich davor fürchte, sagen wir, überfallen zu werden.  Mit diesem Gefühl so allein zu sein, weil man sich selbst nicht erlaubt, Hilfe zu holen – das drängt einen noch weiter in die Arme der Selbstzweifel, der Restriktion. Durch die Konfrontation mit Stereotypen rutscht man immer mehr in diesen Strudel, wo die Kontrolle einem Schutz vorgaukelt.

Und an diejenigen, die selber an einer Essstörung leiden, gelitten haben, oder ähnliche Selbstzweifel hegen: Das Wichtigste ist, wieder zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Er ist dein Freund, das eine Zuhause, in dem du dein Leben lang lebst. Und womit du leben musst. Man muss neu lernen, auf die Bedürfnisse zu hören und sie ihm zu erfüllen – die beste Art und Weise, ihn zu behandeln. Man muss Frieden schließen mit sich selbst. Ich weiß, das sagt sich leicht, und es ist ein langer Weg und harter Kampf. Aber es lohnt sich, wenn man irgendwann feststellt, man schaut morgens in den Spiegel und sieht nicht dieses abstoßende, nicht ausreichende, nicht schön genug aussehende Wesen: Sondern man sieht sich selbst im Gesamten, mit all den Makeln, aber eben auch all den Stärken, all den Fähigkeiten und liebenswerten Zügen.
Das erlaubt einem so viel mehr, sich glücklich zu fühlen, als man es je erwartet hätte. Man muss die eigenen Stärken erkennen, indem man darauf achtet, was einem gut tut. Und man muss es wagen, die Erfahrung zu machen, dass man genau so geliebt wird, wie man ist. Das klingt platt, aber manchmal muss man sich auf solch rudimentäre Lebensweisheiten zurückbesinnen und sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie Glaubenssätze. Man muss den vom Essen und Nicht-Essen besessenen Gedanken Raum und Atem rauben, indem man ihnen positive entgegenhält. Man muss gegen jahrelang angelegte Regeln ankämpfen und intuitives Essen völlig neu lernen. Aber man kommt sich selber näher und das ist das Beste, was einem passieren kann. Denn mit sich selbst muss man schließlich sein ganzes Leben verbringen.

Du erkennst dich wieder, fühlst dich alleine und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst?

Hier sind ein paar erste Anlaufstellen: 

Der Bundesverband Essstörungen hilft dabei, Angebote und ggfs auch freie Therapieplätze zu finden https://www.bundesfachverbandessstoerungen.de/

Das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen bietet ein vielfältiges Angebot, unter anderem auch Email- und Einzelchatberatung. https://essstoerungen-frankfurt.beranet.info/e-mailberatung.html?no_cache=1

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hilft, Beratungsangebote in der Nähe zu finden. https://www.bzga-essstoerungen.de/rat-und-hilfe/suche-beratungsangebote/

Adressen von Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen findet man auch hier. http://www.magersucht.de/allgemein/adress.php

Telefon- und Onlineberatung gibt’s auch hier. https://www.anad.de/beratung/

Die Anlaufstelle in Berlin. http://www.dick-und-duenn-berlin.de/index.php?id=99

Beratungszentrum in Leipzig. http://www.beratungszentrum-essstoerung-leipzig.de/

Vielen lieben Dank an Paula für diesen Beitrag! Wenn du mehr über Paula lesen möchtest, schaue mal auf ihrer Instagram Seite vorbei. Dort teilt sie neben ihrem Fotoprojekt “Pure Bodies” (dazu hier bald mehr ) ihr eigenen Erfahrungen.

 

Quellen

-Men, Muscles, and Eating Disorders: an Overview of Traditional and Muscularity-Oriented Disordered Eating. Lavender, J.M., Brown, T.A. & Murray, S.B. Curr Psychiatry Rep (2017) 19: 32.

-Scott, D. W. (1986), Anorexia nervosa in the male: A review of clinical, epidemiological and biological findings. Int. J. Eat. Disord., 5: 799–819.

-Sharp, C. W., Clark, S. A., Dunan, J. R., Blackwood, D. H. R. and Shapiro, C. M. (1994), Clinical presentation of anorexia nervosa in males: 24 new cases. Int. J. Eat. Disord., 15: 125–134.

 

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