Sport als Ausgleich bei Borderline – Joey

 
 
Hallo,
 
mein Name ist Joey und ich leide an BPD und Depressionen. Ich will aber gar nicht über die beiden Krankheiten schreiben, weil das eine recht lange Geschichte ist.
 
Ich möchte dir aber erzählen wie ich meinen perfekten Sport zum Ausgleich gefunden habe.
 
Schon als Kind war ich sehr sportlich. Mit fünf Jahren habe ich mit der Leichtathletik angefangen. Das habe ich durchgezogen bis ich 18 Jahre alt war. Ich war nicht sonderlich gut, vor allem deshalb weil ich nicht die Disziplin machen durfte, die ich machen wollte. Aber egal. Das wichtigste daran war, dass der Sport mir eine Stabilität und vor allem Sicherheit gegeben hat.
Während meiner Ausbildung habe ich fast keinen Sport mehr gemacht. Ich habe ab und an wieder angefangen mit dem Laufen, aber auch da ist die Motivation schnell flöten gegangen. Abgesehen vom Fahrradfahren, waren das wohl meine unsportlichsten Jahre.
Als ich dann mit dem Studium begonnen habe, war Drachenboot ganz hoch im Kurs. Den Sport mochte ich gern, denn das Zusammensein im Team war schön und vor allem war es genau das Richtige für mich, um mich auszupowern.
Nach dem Studium kam allerdings das Arbeiten in den Weg. Ich konnte die Trainingszeiten nicht wahrnehmen, also habe ich den Sport auch wieder aufgegeben.
Später habe ich es dann wieder mit dem Laufen und Homeworkout probiert. Das Workout war und ist kein Problem, aber das Laufen machte mir absolut keinen Spaß mehr.
 
 
An einem Samstag im April 2017 kam mein Freund zu mir an und fragte mich, ob ich nicht mit zum Bouldern kommen möchte.
Kosmos Leipzig

Bevor ich weiter aushole, erkläre ich dir erst einmal, was Bouldern überhaupt ist.

Bouldern ist eine Form des Kletterns. Allerdings wird hier ohne Sicherung geklettert, weil die Wände (wenn du es Indoor machst) nicht höher als 4.50m sind. Die Routen sind kürzer, dafür aber meist kraftintensiver als beim Seilklettern.
Meine Antwort war in dem Moment „Nein!“, weil ich Höhenangst habe und darüber hinaus ich einfach froh war den vorherigen Freitag überlebt zu haben. Aber mein Freund ließ nicht locker. Zum Glück! – sage ich heute.
Denn dieser Sport ist mein perfekter Ausgleich geworden. Mittlerweile gehe ich mehrmals die Woche in die Boulderhalle, um mich auszupowern und den Kopf frei zu bekommen.
 
 
Warum ist es der perfekte Sport für mich geworden?
 
 
Während meiner Therapien habe ich viel über Achtsamkeit gelernt und dabei auch diese kleine Eselsbrücke kennengelernt.
Und genau das nehme ich auch an der Wand wahr. Jede Route, die ich angehe ist eine Art Achtsamkeitsübung. Ich muss im Hier und Jetzt sein und vor allem die Situation bewusst wahrnehmen. Ohne Bewertung? Das ist nicht ganz leicht, vor allem wenn es mal nicht so läuft, aber es ist möglich.
 
Während dieser 15 Monate, die ich jetzt an der Wand klebe, habe ich extrem viel über mich selbst gelernt, vor allem meine Grenzen. Meine sportlichen und körperlichen Grenzen weichen immer weiter nach hinten.
In den ersten Monaten macht man schnell große Fortschritte, aber irgendwann kommt der Punkt an dem man ein Leistungsplateau erreicht. Genau dann ist es so wichtig auf sich zu hören und nicht aufzugeben. Man macht Fortschritte, allerdings sind die wesentlich kleiner. Aber wenn man etwas bewusster an sein Training rangeht, dann kann man diese trotzdem wahrnehmen. Es ist nicht immer die Kraft, die mehr wird. Mal traut man sich einen Move, vor dem man sonst große Angst hatte oder man wird beweglicher, was einen großen Einfluss auf die Technik hat.
Ich selbst sehe diese Fortschritte auch nicht immer, aber umso wichtiger ist es, dass es auch Leute um dich herum gibt, die dir das auch aufzeigen können.
Man kann den Sport aber auch super allein machen, du bist nicht zwingend auf Menschen angewiesen.
Ich kenne das von mir auch. Ich habe Tage, an denen bin ich nicht wirklich in der Laune mit irgendwem zu kommunizieren. Wenn ich dann in der Halle bin und mich bewege, fühle ich mich viel befreiter und bin dann auch in der Lage auf Menschen wieder einzugehen. Beim Bouldern kommt man unweigerlich auch mit anderen ins Gespräch (nur wenn man es auch will, es ist immer okay zu sagen, dass man nicht möchte), man tauscht sich aus und macht zusammen Fortschritte,
Ich hatte auch schon Tage, da hatte ich auf dem Weg zur Halle einen absoluten Stimmungsumschwung und mein Freund fragte mich, ob ich wieder nach Hause will. Ich habe „Nein!“ gesagt, weil ich mir gesagt habe, dass ich ohne Druck klettern will. Ein paar einfache Routen, die ich bewusst mit ordentlicher Technik klettere und außerdem möchte ich mich generell bewegen, um die Stimmung etwas neutralisieren zu können. In diesem Moment war ich super achtsam mit mir. Das hätte ich früher nicht hinbekommen.
Eine Grenze, die ich für mich lernen musste, ist das Verbeißen. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und es macht mich wütend, wenn etwas nicht klappt, auch wenn ich es schon tausend Mal probiert habe. Kennt wohl jeder? Aber aufgrund der BPD nimmt das bei mir ein Ausmaß an, das für mich ein unkontrollierbares Ding wird. Auch da haben mein Freund und ich einen Kompromiss gefunden, dass ich bei schlechter Laune nicht mehr als fünf Versuche mache, einfach um mich zu schützen, aber auch meinen Freund, weil der leider in dem Fall die Wut abbekommt. Seitdem wir diese Regel abgemacht haben, ist es für mich viel einfacher Abstand zu der Sache zu bekommen. Manchmal bekommt man den richtigen Einfall, wenn man nicht vor der Wand steht.
 
Tja, nun habe ich soviel über mich und das Bouldern erzählt, dass ich gar nicht weiß, ob es genau das ist, was dich so interessiert.
Vielleicht hat dieser Post dich auch neugierig gemacht und fragst dich, ob du es auch kannst?
Da kann ich nur “JA!” sagen, denn jeder, der Bock darauf hat, sollte es ausprobieren. Wenn du nicht alleine gehen möchtest, dann frage ruhig Freunde, ob die Interesse haben dich zu begleiten. Anfangs brauchst du gar nichts weiter als Sportklamotten und Bock auf den Sport. Kletterschuhe und anderes Equipment wie z.B. Chalkbags kannst du in der Halle selbst gegen eine Gebühr ausleihen.
Viele Hallen bieten auch einen Anfängerkurs an, damit du dir die Grundkenntnisse aneignen kannst. Solche Kurse finde ich vor allem toll für Leute, die den Sport alleine anfangen möchten und in dem Zuge vielleicht schon neue Leuten kennenlernen kannst, wenn du das möchtest.
Der Sport ist auch für Kinder geeignet. Die Halle, in der ich ein Abo habe, hat sogar einen für Kinder abgetrennten Bereich. Also perfekt um mit der Familie zusammen was zu unternehmen.
Und hab keine Angst davor, dass du dich eventuell doof an Wand fühlen könntest. Wir alle, die dort an der Wand klettern, haben einmal damit angefangen und sich vermutlich auch so gefühlt. Und wenn du es möchtest, dann helfen dir andere Leute in der Halle gerne weiter, wenn du mal nicht weiter weißt. Generell habe ich diesen Sport als einen sehr sozialen Sport kennengelernt. Viele Leute helfen gerne oder lassen sich auch helfen.

Ich zeige dir hier einmal ein Video, um dir zu zeigen, wie das Bouldern eigentlich aussieht:

 

Das hier ist eine mittelschwere Route. Die Griffe können ein wenig einschüchternd wirken, aber das Vertrauen dafür kommt mit der Zeit. Die Griffen von leichteren Routen lassen sich gut greifen und sind gut zu erreichen. Und nicht immer musst du oben rausklettern.

Hast du noch mehr Fragen an mich? Dann immer her damit. Ich verlinke dir unten noch meinen Instagram Account und meinen Blog, wo ich noch mehr zum Thema Bouldern, Mental Health und auch übers Reisen schreibe.

Ich freue mich auf deine Fragen oder generelles Interesse!

//Deine Joey


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