My Story – Saskia

via Paula Charlotte @chybris

Ich bin Saskia, frisch ausgebildete Gesundheits-/Krankenpflegerin und arbeite seit kurzem in einer
Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wie ich da hin gekommen bin? Dafür müssen wir einige Jahre zurück spulen, um genau zu sein bis zu meinem 12. Lebensjahr – da begann mein (Leidens-)Weg.

Damals ging ich auf ein Gymnasium, hatte durchschnittliche Schulnoten, war sehr ruhig. Irgendwann
begannen meine Mitschüler mich zu ärgern, mobben wie man es heute nennen würde. Ich hab den Frust
damals immer sprichwörtlich in mich hineingefressen, habe mit niemandem geredet. Mich allein gefühlt.
Dadurch habe ich irgendwann immer mehr zugenommen. Übergewichtig war ich nie, aber eben etwas
kräftiger. Meine Mitschüler haben dies natürlich direkt als Angriffsfläche genutzt, haben sich im Internet
über meine Figur lustig gemacht und mich „Fette Kuh“ genannt. Als hätte das nicht schon gereicht, hat
auch meine Familie meine Figur immer wieder kritisiert. Ich solle doch die Süßigkeiten weglassen. Habe
ganz schön zugenommen. Irgendwann beschloss ich deshalb es allen zu zeigen, abzunehmen. Anfangs
lies ich nur die Süßigkeiten weg. Ging öfters zu Fuß. Als das irgendwann nicht mehr reichte, suchte ich
nach Abnehmtipps im Internet und stieß prompt auf die „Pro-Ana“-Bewegung. Dort fühlte ich mich zum
ersten Mal seit langem verstanden, meldete mich in Foren an.

Alles lief in meinen Augen super, nahm immer weiter ab, erste Leute aus meinem Umfeld bemerkten das und machten mir Komplimente. Eines Abends, es gab mal wieder Streit zwischen meinen Eltern, meine Mutter machte mir Vorwürfe und mein Vater war betrunken. Ich hörte nur noch wie meine Mutter aus dem Haus rannte und rief „Ich bringe mich um, ich halte das hier nicht mehr aus.“ Dieser Satz hatte gesessen.

“Das war der Abend, an dem ich mich das erste Mal selbstverletze.”

Ich fühlte mich so unendlich schuldig, gab mir an allem die Schuld und hatte gleichzeitig ungeheure Angst um meine Mutter. Das war der Abend, an dem ich mich das erste Mal selbstverletze. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin, aber ich nahm damals den Zirkel und tat es einfach. Zwar nur total oberflächlich, aber ich fühlte mich besser. Gleichzeitig nahm ich immer weiter ab, aß nur noch 500kcal am Tag oder machte irgendwelche Diäten, die ich von den Pro-Ana Seiten hatte. Zur der Zeit war ich schon untergewichtig.

via Paula Charlotte @chybris

Ich konnte es auch nicht mehr vor meiner Familie und Umgebung verbergen. Meine Mutter schleppte
mich dann zum ersten Mal zum Psychologen. Ich war allerdings wenig kooperativ, sah das alles
irgendwie nicht ein, weil ich mich doch gut fühlte. Zwar fühlte ich nicht viel, aber besser als die ganzen
anderen negativen Gefühle, die ich vorher gefühlt habe. Die Psychologin legte meiner Mutter dann ans
Herz mich von meinem Hausarzt durchchecken zu lassen. Dort ging ich dann wöchentlich zum wiegen
hin, und als ich nach 3 Wochen wieder einiges an Gewicht verloren hatte, wies er mich in die Klinik ein.
Ich war dort eine Woche, bis ich irgendwie meine Eltern dazu brachte, mich dort wieder rauszuholen. Ich
hatte damals so viel Streit mit meinen Eltern, mein Vater war dauernd betrunken. Ich hatte teilweise
wirklich Angst vor ihm. Und meine Mutter war entweder nicht da oder am schreien. Ich fing an mich
regelmäßig selbstzuverletzen. Hatte unglaubliche Schuldgefühle. Ich ging irgendwann zu unserem
Vertrauenslehrer, weil ich auch eine Entschuldigung für den Sportunterricht brauchte. Dieser war zum
Glück sehr verständnisvoll, informierte aber irgendwann meine Eltern, nachdem er und mein
Klassenlehrer merkten, dass es immer schlimmer wird.

Nach diesem Gespräch hörte ich sofort auf damit, auch weil meine Mutter mich täglich auf neue Wunden kontrollierte. Mein Leidensdruck wurde immer größer, bis ich nach circa 2 Monaten erneut anfing mich selbst zu verletzen. Von Mal zu Mal wurden die Wunden tiefer. Mein Essverhalten rutschte immer mehr ins bulimische, weshalb ich zunahm und jeder aufhörte sich darüber Sorgen zu machen. Damals ging ich regelmäßig zu einer Therapeutin, die mir damals aus der Klinik vermittelt wurde. Sie war sehr unzuverlässig, vielleicht ging ich deshalb nicht gerne hin. Vielleicht aber auch, weile meine Mutter jedesmal böse auf mich war, wenn ich dort war, weil sie insgeheim die Therapeutin als Konkurrentin ansah. Ich weiß es nicht.

Dort lernte ich jedenfalls das erste Mal sogenannte Skills. Setze sie jedoch nie um. Dann kam ein großer Wendepunkt in meinem Leben, ich lernte meinen jetzigen Freund kennen und wir kamen auch zusammen. Aber das wäre natürlich alles zu einfach gewesen. Drei Tage später starb mein Opa, welcher für mich der einizige in der Familie war, zu dem ich wirklich ein gutes Verhältnis hatte. Dadurch wurden in mir extreme Verlustängste geweckt, ich engte meinen Freund regelrecht ein, weil ich Angst hatte ihn auch zu verlieren. Ich ging schließlich zu meiner Mutter und bat darum, nochmal in die Klinik gehen zu dürfen.

“Ich verletzte mich tiefer und öfter denn ja”

Wir hatten ein Erstgespräch und meine Eltern waren alles andere als begeistert. Aber der Therapeut riet
dringend zu einer stationären Therapie. Dies kam wiederum für mich nicht in Frage, wegen meinen
Verlustängsten. Der Kompromiss bestand dann in einer teilstationären Behandlung. Fast zeitgleich zu
meiner Aufnahme ging mein Freund für 6 Wochen nach China, was für mich anfangs unglaublich schwer
war, wodurch ich aber, was ich jetzt im Nachhinein sagen kann, ein Stück Selbstständigkeit zurück
bekommen habe. Während meiner ersten Therapie verschlimmerten sich eigentlich all meine Symptome.
Ich verletzte mich tiefer und öfter denn ja. Rutschte wider in ein anorektisches Essverhalten, war depressiv, hatte eigentlich keinen Lebenswillen mehr. Ich nahm dort das erste Mal Medikamente,
Fluoxetin, welches aber nach einigen Wochen wieder abgesetzt wurde, wegen dem Selbstverletzenden
Verhalten. Halbwegs stabil (oder eigentlich auch nicht) wurde ich nach 4 Monaten entlassen.

Ich ging wieder in meine Schule und warf nach einem Tag alles hin. Weigerte mich in die Schule zu gehen und meine Mutter gab schließlich nach. Mein Therapeut organisierte schließlich, dass ich in einer
therapeutischen Gärtnerei arbeiten konnte. Das machte ich auch mehr schlecht als recht. Ich meldete mich schließlich zur Fachoberschule an. 3 Wochen bevor diese losgehen sollte, ging ich nochmal zur
Medikamenteneinstellung in die Klinik. Dort brach ich dann total zusammen. Ich warf die
Fachoberschule auch hin. Ich verletzte mich so tief, dass ich fast täglich in irgendeinem Krankenhaus zum
Nähen war.

Zum Glück wurde ich dann mit Venlafaxin und Atosil und Quetiapin eingestellt. Ich weiß bis
heute nicht warum, aber als ich wirklich ganz ganz tief unten war, eigentlich keinerlei mehr Lebenslust
hatte, machte es irgendwann bei mir Klick und ich ließ mich das erste Mal wirklich auf die Therapie ein.
Und es half. Ich machte das DBT Programm und eignete mir Skills an, die auch wirklich halfen. Machte
mir Notfallpläne. Arbeitete einiges mit meinem Therapeuten auf und lernte, meinen Körper richtig wahr
zu nehmen. Durch Therapien wie Klettern aber auch das tolle Pflegepersonal bekam ich mehr
Selbstbewusstsein. Und eben durch diese Menschen bin ich heute da wo ich jetzt bin.

 

“Heute kann ich relativ gut mit meiner Erkrankung umgehen.”

Das Pflegepersonal war für mich ein riesen Vorbild, ich wollte auch so sein wie sie und anderen helfen. Deshalb bewarb ich mich noch in der Klinik um einen FSJ Platz, den ich dann auch bekam. Ich war zu meiner Entlassung stabil und fing direkt am nächsten Tag mit meinem FSJ an. Nach einem halben Jahr wurde mir die Ausbildung angeboten, weil ich wirklich gut arbeitete und diese Chance ergriff ich. Klar, in diesen 3 Jahren ging es oft auf und ab. Ich wollte mehrmals wirklich meine Ausbildung hinschmeißen. War öfters krank geschrieben, weil ich nicht mehr konnte. Aber ich hatte zum Glück die Unterstützung von meinem Freund, meinem Therapeuten und Freunden. Mein Therapeut arbeitete weiter mit mir an meinem Selbstbild und wir setzten uns mit meiner Erkrankung, der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung alias Borderline (ich mag diese Bezeichnung nicht) auseinander. Heute kann ich relativ gut mit meiner Erkrankung umgehen. Ich weiß, dass ich anfälliger für heftige Gefühle bin als andere, aber ich weiß auch, was ich tun kann, um dem entgegen zu steuern. Natürlich sind viele Narben zurück geblieben, aber mittlerweile kann ich auch damit offen umgehen. Sie gehören zu mir und erzählen meine Geschichte.

Vielen Dank an Saskia für ihre offenen Worte und den Mut dies online zu schreiben! Ich habe euch Saskias  Instagram verlinkt, dort könnt ihr sie selbst im Netz finden und Feedback zur ihrer Geschichte da lassen. Auf ihrem Profil schreibt sie auch über ihren täglichen Struggle und das Leben mit psych. Erkrankungen.

Wenn du dich jetzt durch Saskias Mut inspiriert fühlst und auch gerne deine Geschichte erzählen möchtest, schreib mir einfach eine Mail. Alle Infos findest du auf der Kontakt-Seite.

Alle Bilder in diesem Post stammen von Saskias Instagram Account und wurden unter ihrer Einwilligung verwendet.

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