Musik ist für mich ein Ventil – Pauly von DIAS

via Timo Roth

Wenn der Alltag zu viel wird, gibt es viele Ausflüchte. Reisen, Sport, Drogen aber auch die Musik. Um den Stress im täglichen Leben einfach mal zur Zeit zu schieben, reicht es dem DIAS Drummer  Pauly sich hinter sein Schlagzeug zusetzen und einfach all seine Energie rauszulassen. Im folgenden Interview hat er mir mehr über seine Band, das Gefühl des Tourens und den Drums als Versteck erzählt.

Hej! Stell dich doch bitte kurz vor:
Ja moin, mein Name ist Paul. Ich stelle mich aber gerne als Pauly vor, weil es irgendwie cooler klingt. Ist mir im Endeffekt aber total egal. Ich studiere derzeit Anglistik und Kommunikationswissenschaften im Bachelor in Rostock; also kurzgesagt Taxi-Fahrer. Vorher habe ich eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild & Ton abgeschlossen. Doch hatte ich Angst vor der Freiberufler Welt, weshalb ich mich für ein Studium entschieden hatte welches mich inhaltlich interessiert. Nebenbei arbeite ich als Kamera bzw Foto Assistent an Filmsets/ bei Fotoshoots um Geld zu verdienen. Als Ausgleich mache ich viel Musik. Ich spiele Schlagzeug in zwei Bands und habe ein Hip Hop Projekt mit einem Freund

Wie lange machst du schon Musik?
Angefangen Schlagzeug zu spielen habe ich mit 7 im Hort. Kurz darauf habe ich auch begonnen Unterricht zu nehmen. Da ich jedoch nie ein eigenes Schlagzeug hatte, verlor ich mit 9 die Lust daran und habe aufgehört. Erst mit 14/15/16 habe ich aufgrund der Musik die ich gehört habe (Blink 182, New Found Glory, ZSK, etc) wieder Interesse bekommen Musik zu machen. Habe es dann erst heimlich gemacht, weil es mir unangenehm vor meinen Eltern war wieder etwas zu wollen, wofür ich ein paar Jahre zu vor noch auf die Barrikaden gegangen wäre. Natürlich haben sie es irgendwann mitbekommen und haben mich dann natürlich auch unterstützt und mir ein Schlagzeug besorgt. Mit 18 haben sie mir auch mein Sparbuch gegeben, wovon ich eigentlich meinen Führerschein bezahlen sollte, aber nix da, ich hab mir ein besseres Schlagzeug gekauft. Bis heute kann ich auf die Unterstützung von ihnen setzen. Das rechne ich ihnen hoch an, weil dass schon echt eines der teureren Instrumente ist.

Mit Hip-Hop habe ich erst in den letzten paar Jahren zutun. Zuerst beschränkte sich dass auf witzige Geburtstagsraps. Doch habe ich in letzter Zeit öfter das verlangen was ernsteres zu machen. Seit ein paar Wochen treffe ich mich nun ab und an mit einen Freund. Dann schreiben wir zusammen Texte und basteln Beats. Also noch super frisch das ganze.

Wie kam es zur Gründung deiner aktuellen Band DIAS?
Bei der eigentlichen Gründung war ich gar nicht dabei. Phil und Mätti haben 2007 angefangen Musik zu schreiben und sind dann unter den Namen „Depresside“ aufgetreten. Nach mehreren Besetzungswechseln bin ich dann 2009 dazu gekommen. Dadurch das Stralsund, meine damalige Heimatstadt, ziemlich übersichtlich ist und sich die Bands aufgrund von Überschneidungen in der Besetzung oder durch die Nutzung des selben Proberaums oder Proberaumkomplexes einfach kannten, kamen die dann auf mich, da ich selber in mehreren Bands gespielt hatte. 2014 kam dann noch Patrick am Bass dazu und wir waren komplett. Da sich unsere Musik irgendwo im deutschsprachiger Alternativ-Rock Bereich einordnet und unsere Texte gar nicht mal so depressiv waren, haben wir unseren eher komplizierten englisch ausgesprochenen Bandnamen „Depresside“ durch „DIAS“ ersetzt. Einfach weil zu „Depresside“ Zeiten super viele Leute ankamen und meinten, dass sie sich mit den Texten unserer Musik identifizieren können und diese Bilder in ihren Köpfen hervorrufen würden. Metaphorisch, musikalische Dias eben. Ist doch logisch.

Ist Musik für dich ein Ausdruck deiner Gefühle oder Ort der Verarbeitung?
Dadurch, dass ich lediglich für Drums verantwortlich bin, ist es für mich eher ein Ventil zum Stressabbau. Ich habe das Gefühl, dass ich in vielen Situationen wesentlich unentspannter wäre, wenn ich mich nicht ab und zu an den Holzkesseln austoben würde. Ich persönlich habe von vielen Leuten gehört, dass sie Kampfsport machen, um sich einen Ausgleich zu schaffen. Schlagzeugspielen ist für mich halt der coolere Kampfsport, weil ich auf etwas einprügeln kann ohne damit jemanden wehzutun (Gehörschutz vorausgesetzt…lol).

Bei dem neuen Hip Hop Projekt von meinem Freund Philly (nicht der aus DIAS) und mir schreibe ich erstmals auch eigene Texte. Diese befassen sich oft mit traurigen Themen wie Herzschmerz oder dem Gefühl nicht gut genug für eine Person zu sein. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich mich derzeit so fühle, eher nur, dass ich vergangenes vielleicht verarbeite. Ich bin mir nicht sicher. Es schreibt sich für mich einfach angenehmer über solche Themen als über etwas Glückliches. Vielleicht ändert sich das noch, aber bis jetzt habe ich das Gefühl, dass man im Radio sowieso überall mit Menschen, Leben, Tanzen, Welt zugeballert wird und Hip Hop zudem auch ein absolutes Macho Problem hat. Da kann man auch mal traurige Musik auf 808’s und Emo-Gitarren Samples machen.

Hast du manchmal das Gefühl das “nicht gut genug zu sein” im Bezug auf deine Musik?

via Timo Roth


Immer mal wieder tatsächlich. Ich wollte damals unbedingt in die Schülerband meiner Schule und wusste, dass es auch andere talentierte Schlagzeuger in meiner Klassenstufe gab. Das war der Grund weshalb ich mich mit 14/15/16 ca ein Jahr lang, jeden Tag, eine Stunde hingesetzt habe und meine Lieblingssongs nachgespielt habe. Im Endeffekt hatten die anderen gar nicht so Lust und ich war der einzige der Interesse an der Schülerband hatte.

Dann wäre da noch das leidige Thema Bandcontests. Als ich mit den Bands in denen ich gespielt habe, noch an jedem Bandcontest teilgenommen habe, kam dieses Gefühl von ganz alleine. Man konnte noch so oft sagen, dass man des Spaßes, nicht des gewinnens wegen dran teilnimmt, aber im Endeffekt war der Konkurrenz Gedanke immer präsent. Das war der Grund, weshalb es uns schwer fiel freundschaftliche Beziehungen mit anderen Bands aufzubauen. Zum Glück haben wir dennoch super tolle Menschen kennen gelernt, doch war der Grund Tenor auch da, dass man „Viel Erfolg“, statt „Viel Spaß“ vor dem Auftritt gewünscht hat. Heute sind wir an dem Punkt, dass wir keine Contests mehr spielen, wenn wir das Gefühl bekommen, dass es nicht um die Musik sondern einzig allein um das finanzielle Interesse der Veranstalter geht. Sprich Formate wie Emagenza, SPH oder auch X-Factor bekommen ein Nein von uns.

Heute kann ich sagen, dass mir das Gefühl „nicht gut genug zu sein“ in meinem Leben oft begegnet ist, aber mir gerade beim Schlagzeug spielen klargeworden ist, dass es immer Menschen geben wird, die für meinen Geschmack besser als ich sind. Das ist normal und auch gut so. Wie schlecht wäre die Musikwelt bitte, wenn ich das Nonplusultra im Bereich Schlagzeugspielen wäre. Ich arbeite an mir und meinen Skills und ziehe meine Inspiration aus anderen Künstlern. Für mich gibt es so etwas wie ein „jetzt bin ich gut genug!“ nicht. Das würde bedeuten, ich kann das Schlagzeugspielen nieder legen, weil ich alles erreicht habe. Wie langweilig…

Mit deiner Band  DIAS spielst du ja nun regelmäßig Shows und ihr habt ja auch kleinere Touren – schwingt da bei dir ein gewisser Druck & Stress mit?
Touren fühlen sich für mich immer wie Klassenfahrten ohne Lehrer an. Auf Tour kann mein Privatleben (Arbeitsstress, Studium, Geldsorgen etc) sich hinten anstellen, weil es in diesem Moment nicht wichtig ist. Ganz im Gegenteil es ist die absolute Befreiung vom alltäglichen Druck & Stress. Ich kann jeden Menschen nur empfehlen sich ein paar Freunde*innen zu suchen, ein paar Songs zu schreiben und ab in den Tourbus zu steigen. Ich finde es einfach nur großartig.

Wie gehst du damit um, auf der Bühne zu stehen während dich Menschen anstarren und eine Erwartung an dich haben? Ist das etwas womit du dich beschäftigst oder bist du auf der Bühne eine Präsenz von dir?
Das gute ist: Wenn man als Schlagzeuger*in auf der Bühne ist, sieht man im seltensten Fall das Publikum. Sobald das Konzert losgeht ist bei mir eh alles aus. Dann mach ich Musik.
Ein mal haben wir auf dem Phäftival in Berlin gespielt und dort hat der Lichtmensch einmal das Licht zum Publikum hin angemacht. Als ich dieses Meer aus Menschen sah, ging mir tatsächlich ganz schön die Pumpe, aber gleichzeitig war das auch ein unfassbar tolles Gefühl. Wir waren zudem Zeitpunkt ungefähr beim zweiten Drittel unseres Sets angelangt. Die Leute hätten genau so gut auch einfach den Saal verlassen können. Das taten sie aber nicht. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Wenn danach auch noch Menschen ankommen, die du noch nie in deinem Leben gesehen hast und dir sagen, wie toll sie die Musik fanden und wie „doll“ ich denn am Schlagzeug sei, weiß ich immer gar nicht wie ich reagieren soll, weil das so unreal wirkt. Ich kann mich dann immer nicht genug bedanken.

Gibt es auch psychische Belastungen, die dir im musikalischen Bereich manchmal in die Quere kommen?
Ich frage mich ab und an wann mich mein Leben einholt und ich das ganze einfach nicht mehr machen kann. Das ist so ziemlich die Größte Angst die ich habe. Keine Zeit mehr für das zuhaben, was mir den maximalen Ausgleich beschert.

Hast du mit irgendwelchen Aspekten des Musikbusiness zu kämpfen, die dich persönlich auch belasten?
Dafür ist es bei mir glaube ich noch zu sehr als Hobby zu betrachten. Die ganze Zeit, die ich in die Musik, die Musikvideos und den Social Media Kram stecke investiere ich gerne. Ein wichtiger Faktor ist da wahrscheinlich, dass mir niemand sagt, dass ich das tun muss. Ich glaube ich würde das ganze anders betrachten, wenn mich ein Label anrufen und mir sagen würde, dass mein Album in vier Wochen fertig auf dem Tisch liegen muss, da sonst etliche Touren und Releases gestrichen bzw. auf ewig verschoben werden.

Das waren alles ziemlich negative Aspekte, was gibt dir das live spielen und Musik machen positives?
Musik machen ist für mich Alltagsausgleich und eine Form mich irgendwie zu verwirklichen. In den Proberaum zugehen und am Ende des Tages das Gefühl zu haben, etwas geschafft zu haben ist ein ganz schöner Motivationsschub. Konzerte zu spielen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen ist ein absurder Ego-Push. Wir haben in Betracht auf kommerziell erfolgreiche  Künstler eigentlich noch nichts geschafft, doch ist jedes noch so kleine Erfolgserlebnis einfach unfassbar cool. Und sei es nur das Gefühl, dass man mal auf Plus-Minus Null gekommen ist bei einem Weekender.

Gibt es sonst noch irgendwas, was du gerne loswerden möchtest?
Eigentlich möchte ich mich nur bei dir bedanken. Danke, dass du deine Zeit investierst um die Thematik rund um Mental Health mit all ihren noch so alltäglichen Aspekten zu beleuchten. Ich bin mir sicher, dass diese ganzen verschiedenen Blickwinkel für etliche Menschen (ob betroffen oder nicht) unfassbar hilfreich, wegweisend oder einfach nur interessant sind! Sowas empfinde ich als unfassbar kostbar. Mach unbedingt weiter! 🙂

Vielen Dank an Pauly für dieses Interview. Wenn ihr mehr von ihm sehen & hören wollt schaut doch mal auf der Seite von DIAS vorbei und checkt ihr neues Video zu “Vergiss diese Stadt” unten aus.

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