Vielleicht bemerkst du, wie beschissen und schön das Leben gleichzeitig sein kann- Felix von Sur L’eau

via Felix

Vor Menschen zu stehen, die warten dass die ersten Töne aus dir kommen und du sie unterhälst ist nicht immer einfach. Besonders wenn dir die eigenen Zweifel und die Depression immer im Nacken sitzen. Doch Felix, der Sänger der Screamo Band Sur L’eau hat mir im folgenden Beitrag ein paar Fragen zu genau diesen Themen beantwortet.

“Wenn ich ehrlich bin: ich finde es unheimlich unangenehm”, fängt Felix an über die Erwartungen an ihn auf der Bühne zubeschreiben, “aber das ist eine von diesen persönlichen Hürden, die ich in einer Bühnensituation wirklich nehmen kann: so bald ich feststelle, dass ich hinter mir meine FreundInnen habe, jeder einzelne sein bestes gibt und ich auch nur einen Menschen im Publikum sehe, der auch nur ansatzweise mit dem Kopf wackelt, kommt der Moment des Loslassen”.  Das Beste am live spielen ist für den Sänger aber das Leben nach dem Gig, Menschen kennenlernen und das ungezwungene Dasein.  Doch die Angst, nicht gut zu sein schwingt vor einem Auftritt bei dem Münchner immer mit: “In der Regel passt das aber auch alles hinterher und meine Gedanken und Ängste waren wiedermal Quatsch”.

“Einzelne Konzerte oder wenige Tage hintereinander sind eigentlich immer etwas sehr schönes”

Die Entstehung der Band Sur L’eau ist eine klassiche Geschichte, Felix hat von seinem langjährigen Kumpel Marco, dem Gitarristen der Band, erfahren dass er ein Projekt in Richtung Screamo plant. Nach ein paar Proben und Songwriting Sessions stand die Band. Im Februar diesen Jahres veröffentlichten sie via Middle Men Records eine Split EP mit What Of Us. Auf eine Veröffentlichung folgt meist vermehrtes live spielen und auch kleiner Touren. “Einzelne Konzerte oder wenige Tage hintereinander sind eigentlich immer etwas sehr schönes”, erklärt Felix, der seit 2008 eigentlich Shows spielt und dabei auch eine gewisse Routine an den Tag legt. Wenn es um das richtige Tour-Leben geht, wird es für den Philosphie Studenten etwas schwerer -“Touren ist dann schon etwas anderes: du sitzt eigentlich den ganzen Tag in einem viel zu oft viel zu kleinem Auto und siehst eigentlich nix von den Städten, in denen du spielst. Wenn du dich mit FreundInnen verabreden willst, die da so leben und die du ewig nicht gesehen hast, haut das auch meistens nicht hin, weil du ewig im Stau stehst und so weiter. Bei längeren Sachen kriege ich es eigentlich immer mit der Angst zu tun, eine wirklich ekelhafte Angst, dass irgendwas nicht hinhaut, weil ich meine vertraute Umgebung verlasse, in der mehr oder weniger alles funktioniert.”

Doch zum Glück besteht das Leben als Musiker nicht nur aus dem unterwegs sein, sondern auch aus dem Texte schreiben und damit verbundener Verarbeitung von Gefühlen. Die Sur L’eau Texte schreibt Felix und er ist froh, dass er dadurch einen Ort hat um auch mal kitschig aber auch ehrlicher und näher zu sein. Den Hauptaugenmerk legt er jedoch darauf, dass es catchy ist und die Hörer mitgenommen werden. “Das finde ich für mich sehr wichtig und ich denke, den Leuten gefällt es auch. Ich meine, wir sind nicht scheiß Amenra, wo du mit ner mieseren Laune rausgehst, als du reingekommen bist, sondern eben nur Sur L’eau, die dich für ein paar Minuten mitreißen können, aber du trotzdem noch lachen kannst und vielleicht bemerkst, wie beschissen und schön das Leben gleichzeitig sein kann”, erklärt er seine Methode die Stimmung durch “blöde” Witze auf der Bühne zu relativieren.

In “Anhaftungen” verarbeitet er das Gefühl, was man empfindet wenn man zusehen muss wie sich eine Person umbringen möchte

Die Texte der Band bestehen hauptsächlich aus erlebten Momenten, Situationen und Augenblicken. Felix setzt auf Offenheit und macht kein Geheimnis aus dem Gefühlschaos in seinem Kopf. Anhand des Songs “Anhaftungen” verarbeitet er das Gefühl, was man empfindet wenn man zusehen muss wie sich eine Person umbringen möchte. Das ist schon eine ziemlich harte Thematik, aber Musik bietet dafür den Platz darüber zu kommunizieren. Aber auch Themen des alltäglichen Lebens finden bei Sur L’eau statt: “Einige Songs beziehen sich mittlerweile auf ein größeres, weniger subjektives Themenfeld, was man vielleicht Unbehagen mit dem Leben heute nennen könnte: das ganze repressive, patriachale, identitäre und liberale Geschwätz, der andauernde Arbeits- und Leistungszwang, die rastlosen Suche nach Gesundheit und der ganze andere Scheiß, von dem die meisten ein Lied singen können – was ja auch viele tun”.

via Sur L’Eau

Etwas worüber der Münchner ebenfalls nicht schweigt, ist sein eigener Kampf mit Depressionen. Seit ungefähr 15 Jahren lebt er mit diesen und den dazugehörigen Ängsten. “Die Muster, die Gedanken, die Gefühle werde ich auch dann nicht los, wenn ich Musik mache oder schreibe oder zum Penny geh”, berichtet er über die Erkrankung. Dass ihm der Schatten der Depression auch im musikalischen Bezug manchmal im Weg steht, gibt er offen zu. An manchen Tagen fehlt Felix einfach die Kraft und die Motivation, sich an neue Texte zusetzen oder sich um Promo Angelegenheiten zu kümmern. “Sehr viel Zeug bleibt liegen, weil ich die meiste freie Zeit die ich habe mit Zeittotschlag verbringe”, berichtet er. Doch die Proben und Konzerte holen ihn meist aus dem alltäglichen Trott heraus.

Ein Punkt der dabei meist auch eine Rolle spielt ist der Blick auf die Wertschätzung des eigenen Tun, nicht nur auf das musikalische bezogen. “Das ständige Gefühl der Unzulänglichkeit, sobald du dich am Mass der Gesellschaft, deiner Erziehung, dem dummen Gelabber von LehrerInnen, ChefInnen, KollegInnen, DozentInnen usw. misst, ist eines der Gefühle, von denen ich persönlich versuche am meisten Abstand zu nehmen, weil es mich lähmt und zerstört”, erklärt Felix dazu. Diesen Abstand findet er beispielsweise in der Band und allem was daran hängt – “Was Sur L’eau angeht, kann ich glaube ich für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass wir es als Erfolg im Sinne von echter Wertschätzung für das was wir so machen erleben, wenn wir ab und zu zu einer tollen Show eingeladen werden, weil uns ein oder zwei Leute da und dort feiern. Das ist fantastisch und wir sind darüber unheimlich dankbar”

Mit diesen Worten endet dieser Beitrag hier, vielen Dank an Felix für das Interview. Wenn ihr mehr von Felix und seiner Band Sur L’eau sehen und hören wollt, dann schaut doch mal auf ihrer Facebook Seite sowie Bandcamp vorbei.

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