Das Leben ist ein Geschenk, und du hast jeden Tag die Chance, es dir toll zu machen – Vivien von VISIONS Magazin

In der Musikwelt passiert viel und als Fan den Überblick zu behalten ist nicht immer leicht. Aus diesem Grund gibt es den Musikjournalismus – es wird informiert, nachgefragt und berichtet. Ich wollte gerne für diese Projekt eine professionelle Meinung aus diesem Bereich zu Wort kommen lassen. Deshalb habe ich im folgenden Beitrag der VISIONS Autorin Vivien ein paar Fragen zu Mental Health Themen in der Musikwelt gestellt.

Hej, stelle dich doch bitte kurz vor:
Hallo, ich bin Vivien und schreibe als freie Autorin für das VISIONS Magazin. Bis Herbst 2017 habe ich in der Redaktion in Dortmund gearbeitet und musikalisch hauptsächlich die Bereiche Punk, (Post-)Hardcore und Alternative abgedeckt, eines meiner bislang größten Projekte war dabei ein achtseitiges Special zum Thema “Psychische Erkrankungen in der Musikwelt” — darum sprechen wir hier miteinander.

Du hast ja das VISIONS Special zum Thema Mental Health initiiert, was hat dich dazu gebracht?
Aufhänger für das Mental-Health-Special war der plötzliche Suizid von Soundgarden-Sänger Chris Cornell im Mai 2017. Die ursprüngliche Idee stammte aber nicht von mir, sondern von VISIONS-Autorin Britta Helm und dem gesamten Redaktionsteam. Wir wollten Stimmen einholen und aufzeigen, wer wie in der VISIONS-Welt mit psychischen Problemen, Angststörungen und ähnlichen Erkrankungen umgeht, alles von Glorifizieren bis Normalisieren — und hinterfragen, welche Verantwortung Musiker sich selbst, ihrer Band und vielleicht auch ihren Fans gegenüber haben und umgekehrt. Mir ist das Special letztendlich in die Hände gefallen, weil ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen schon für das Thema sensibilisiert war und mir damals nicht nur, aber auch mit Musik selbst geholfen habe.

Gibt es bei dir eigene Erkrankungen, die diese Story angetrieben haben?
Angetrieben nicht, aber sicher stark beeinflusst: Ich habe ein paar Jahre lang mit Depressionen und Burnout gekämpft. Spürbar angefangen hat alles in der Schule, als ich mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt habe, ein gutes Abitur zu machen und gleichzeitig im Sport weiter zu kommen. Die ersten Symptome — ständige Müdigkeit, Anstriebslosigkeit, Lustlosigkeit — habe ich zwar wahrgenommen und im privaten Kreis angesprochen, dort hat sie aus fehlendem Wissen aber niemand ernst genug genommen. Es war ein schleichender Prozess, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass etwas ganz und gar nicht mit mir stimmt.

Wie war das allgemeine Feedback zu der Thematik? Gab es auch negative Kommentare?
Negatives Feedback hat mich schönerweise nicht erreicht, stattdessen haben sich viele Leser dafür bedankt, wie offen wir mit dem Thema umgegangen sind. Ein Abonnent schrieb etwa, dass er sich durch die Stimmen von Nicholas Müller und Slowcoaches-Sängerin Heather Perkins, mit denen wir unter anderem gesprochen haben, nun viel stärker und motivierter fühlt, etwas gegen seine eigene Erkrankung zu unternehmen. Ein anderer ließ mich wissen, dass ich ihm vor allem mit meinen persönlichen Worten aus dem Herzen gesprochen hätte, und er den Artikel in Zukunft vorlegen möchte, wenn er wegen seiner Krankheit mal wieder missverstanden wird. Solches Feedback ist natürlich immer schön: Es lässt einen wissen, dass man aus schlechten Zeiten auch viel Gutes schöpfen und anderen Menschen mit seinen Erfahrungen helfen kann — wenngleich man sowas natürlich zuerst immer für sich selbst in die Tasten haut.

Wie weit hat dir selber Musik geholfen in deinem Leben?
Ich war schon immer gut darin, mich mit Musik hoch- oder runterzuziehen. Wenn du traurig oder wütend bist, fühlst du dich von Taking Back Sunday oder Frank Turner eher verstanden als von, sagen wir Matze Rossi, der wirklich wunderschöne, lebensbejahende Songs schreibt. Der eigene Plattenschrank weiß immer am besten, wie man sich fühlt. Das ist gut, aber ich habe für mich gemerkt, dass man da aufpassen muss, sich nicht zu lange in Gefühle wie eben Trauer, Wut, Trotz oder Leere hineinzusteigern, indem man sich tagelang melancholische Songs um die Ohren schmeißt.
Denn: Es wird nicht nur nicht besser, wenn du dich selbst bemitleidest und vielleicht sogar äußere Umstände und andere Menschen für dein Leben verantwortlich machst, es wird auch immer weiter bergab gehen. Versteh mich nicht falsch: Es ist ganz wichtig, um nicht zu sagen unvermeidbar, seine Gefühle zuzulassen und sich auch mal traurig, wütend, oder einfach schlecht zu fühlen. Das sind Momente, vielleicht auch Tage, Wochen oder Monate, in denen man merkt, was man nicht will. Aber wenn das geschafft ist, ist es genauso wichtig, wieder aufzustehen, an sich zu glauben und einen neuen Kurs einzuschlagen. Das Leben ist ein Geschenk, und du hast jeden Tag die Chance, es dir toll zu machen.

Ich habe also angefangen, mir Playlists anzulegen und traurige Songs gegen wütende von Glassjaw, aufmunternde und motivierende von Jimmy Eat World und, ja, Katy Perry zu tauschen. Musik beeinflusst uns, ob wir wollen oder nicht. Gerade, wenn man psychisch labil ist, sollte man da vielleicht vorsichtiger sein, und sich nicht mit Emo-Bands wie The Hotelier und Sorority Noise zuballern, wenn du verstehst, was ich meine. Songs wie “The Middle“ und “Firework” erreicht dich natürlich erstmal nicht, wenn du gerade alles schwarzsiehst und nicht aus dem Bett kommst. Der Trick ist, weiter unten anzusetzen und sich an die großen Songs heranzutasten, etwa mit Frank Turners “Reasons Not To Be An Idiot” über Billy Talents “Leave Them All Behind” bis hin zu Songs wie “Parade Of One” von den Donots, die einem zeigen, dass alles bei einem selbst beginnt, und man alleine so stark wie nur was ist, wenn man es zulässt. Gerade die Donots sind für mich immer ein ganz besonderer Anker gewesen, auch wenn bei meiner Lieblingsband mehr mitschwingt als eben nur die Musik.

Vivien hat extra zu diesem Post eine Playlist angelegt. Diese habe ich euch unten eingebettet – hört auf jeden Fall mal rein!

Welche Schwierigkeiten siehst du bei Erkrankten im Musik Business oder hast du da ein konkretes Beispiel aus deiner Arbeit als Musikredakteurin?
Ich halte die Tatsache, dass Musik uns bewusst oder unbewusst beeinflusst, für ein zweischneidiges Schwert. Als Musiker kommst du früher oder später an den Punkt, an dem du Songs spielen musst, auf die du gerade vielleicht gar keinen Bock hast, weil du mit ihnen ungute Gefühle oder Momente verbindest und der kathartische Effekt nachlässt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es für einen Jeremy Bolm nicht immer einfach ist, Songs über seine an Krebs verstorbene Mutter ins Mirko zu brüllen und sich in die ersten Reihen zu schmeißen. Oder für Josh Mckenzie von Apologies, I Have None, wenn er seine düsteren Songs über Depressionen spielen muss, wo er doch nichtmal besonders gerne über seine Erkrankung spricht. Ihn habe ich vor zwei Jahren für ein VISIONS-Interview zum aktuellen Album “Pharmacie” getroffen. Josh sagte damals, dass ihm die Musik manchmal helfe, negative Emotionen zu entladen, aber dass er trotzdem kein positiv denkender Mensch sei. Er ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass Musik nur dann eine Hilfe ist, wenn man auch ohne Musik an sich selbst arbeitet und wieder positiv denkt. Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer äußerer Umstände, die einem psychisch labilen Musiker zusetzen können, ganz besonders auf Tour.

Laut einer Studie von 2016, die den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen unter Musikern und deren Leistungsdruck untersuchte, leidete der Großteil der Teilnehmer an Depressionen. Diese Rate ist viel höher als in anderen Branchen. Bist du der Meinung dass ein Leben & Arbeiten in der Musikwelt (egal ob DIY oder kommerziell) zu psychischen Erkrankungen beiträgt?
Ich denke nicht, dass man darauf pauschal antworten kann. Den Leistungsdruck macht sich jeder Mensch selbst, den Stress prügelt dir niemand ein — du lässt ihn dir einprügeln. Ob in der Musikwelt oder nicht, spielt hierbei keine Rolle. Es stimmt zwar, dass psychische Erkrankungen in dieser Branche keine Seltenheit mehr sind. Aber ich glaube nicht, dass es an der Arbeit mit Musik liegt, eher am Leben abseits davon. Als Musiker, Manager oder Journalist: Du fängst aus Leidenschaft an, in dieser Branche zu arbeiten. Da passiert es schnell, dass man sich zu sehr auf seine Arbeit konzentriert und das Leben ringsherum vergisst. Musik ist nicht alles im Leben, es gibt etwas, das noch wichtiger ist: Liebe. Wenn die fehlt oder nicht ausreichend verankert ist, in einem selbst und im privaten Umfeld, kann man schonmal abrutschen. Grundsätzlich ist eine psychische Erkrankung aber immer ein Symptom für etwas: Es zeigt dir, dass du nicht glücklich bist. Dass du nicht du selbst bist, dass du etwas ändern sollst. Und wenn man den Blickwinkel nur ein bisschen dreht, wird aus der Depression plötzlich ein Geschenk. Ingo Donot sagte mal zu mir: “Wenn du das Gefühl hast, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, dann kannst du dich auch gleich anlehnen, wenn du schon da bist.” Genau darum geht es: Nimm deine Erkrankung an, frage dich, was dich so traurig oder leer macht, welche Bedürfnisse oder Träume du aufgegeben hast — und dann nimm deinen Mut zusammen und pack sie wieder an!

Was denkst du muss noch passieren, dass dem psychische Zustand von Musikern mehr Beachtung geschenkt wird?
Es ist wichtig, dass weiter über das Thema gesprochen wird. Alle Menschen müssen wissen, dass es okay ist, krank zu sein. Dass es okay ist, sich Hilfe zu holen, wenn man alleine nicht weiter kommt. Und dass es okay ist, danach wieder aufzustehen und darüber zu reden. Ich halte es aber für genauso wichtig, psychisch Erkrankten zu erklären, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Familie, Freunde oder Therapeuten können nur bis zu einem bestimmten Punkt als Stützräder dienen. Den letzten Schalter im Kopf musst du selbst umlegen, dabei kann dir niemand helfen. Das kann beängstigend klingen, aber wenn du es mal umdrehst: Wie gut ist es denn, dass du allein für dich und dein Leben verantwortlich bist? Dich kann niemand von irgendetwas abhalten, dich kann auch niemand verletzen. Du allein lässt dich von etwas oder jemandem verletzen. 

In der Pop-Punk Kultur ist es schon angekommen offener über psychische Erkrankungen zu reden, Bands wie Knuckle Puck & Real Friends sagen öffentlich Gründe für Tour-oder Bandauszeiten. Wie ist deine Sicht darauf und wie geht man gerade als Fan solcher Bands damit um?
Es ist natürlich schön, wenn Musiker sich entscheiden, offen mit ihren Erkrankungen umzugehen. Aber ich bin genauso fein damit, wenn Bands sie für sich behalten. Es liegt schließlich bei jedem selbst, wie er mit seiner Krankheit umgeht. Ich denke, als Fan sollte man einer Band zuallererst mit Respekt begegnen, wenn sie aus derartigen Gründen eine Tour absagt oder eine Auszeit ankündigt, es aber auch nicht an die große Glocke hängen. Macht man ja bei Stimmverlust oder einem gebrochenen Bein auch nicht.

Gibt es noch irgendwas, was du noch loswerden möchtest?
Musik kann ein sehr gutes Hilfsmittel sein, sich aus einer Depression zu ziehen. Aber man sollte sich nicht auf sie verlassen oder seine Traurigkeit oder Leere gar mit irgendwelchen Songs oder auf Konzerten betäuben. Eine psychische Erkrankung macht dich ganz intensiv darauf aufmerksam, dass du vom Weg abgekommen bist, dass du dich vernachlässigst. Sie ist eine Chance. Letztendlich muss jeder für sich selbst herausfinden, welche Ursache hinter der eigenen Erkrankung steckt — ob mit oder ohne Hilfe. Fest steht: Auch, wenn es manchmal nicht danach aussieht, eine psychische Erkrankung ist immer heilbar, wenn du bereit bist, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen und etwas zu ändern. Ob du dir dabei mit Musik, Büchern, Freunden oder Therapeuten hilfst — tu es, wenn es sich gut anfühlt und dich weiterbringt, aber bitte in dem Wissen, dass es eben nur Stützräder sind. 

 

Vielen Dank an Vivien für dieses offene Interview! Wenn ihr mehr von Vivien und ihrer Arbeit lesen möchtet, dann schaut bei VISIONS vorbei.

Viviens Playlist zum Post :

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