Nein, du hast keine Ahnung, wie es ist eine Essstörung zu haben! – Alica

via SH:24

Ich habe Essstörungen seit 12 Jahren; Fast mein halbes Leben lang.

Man sollte meinen, dass das ein langer Zeitraum ist und dass durch die sozialen Medien ein größerer Austausch und eine gewisse Informationsweitergabe stattfindet. Und trotzdem treffe ich nach wie vor auf die gleichen Vorurteile und Missverständnisse. Und das beschränkt sich nicht nur auf Freunde, Familie und Fremde, auch Menschen aus dem medizinischen Bereich haben oft keine Ahnung, solange es nicht ihr Fachgebiet ist.

Und was soll ich sagen? Es nervt! Nicht nur das. Es macht einem das Leben schwer (als hätte man mit der eigentlichen Krankheit nicht schon genug zu tun)! Daher heute von mir das ,,wir räumen mit Vorurteilen auf Special“. Vorweg möchte ich aber noch erwähnen, dass mir durchaus bewusst ist, wie schwer es sein mag, sich in diese Krankheit(en) nur ansatzweise hinein zu denken. Und wenn du niemanden kennst, der eine Essstörung hat und auch noch nie jemanden aufgrund seines Essverhaltens und/oder Gewichts verurteilt, bewertet oder sogar beleidigt hast, dann nimm das hier (wenn du magst) einfach als Information mit. Für alle anderen: Here we go!

1. Vom Gewicht auf eine Krankheit /Verhalten schließen:

Nicht jeder der laut des BMI Untergewicht hat, ist magersüchtig und/oder isst zu wenig bzw. gar nicht.

Nicht jeder der Bulimie hat ist dünn und/oder erbricht sich nach dem Essen. Nicht jeder, der Bulimie hat isst die ganze Zeit gar nichts und hat dann einen Essanfall und nicht jeder, der Bulimie hat erbricht sich nach jeder Mahlzeit. Nicht jeder mit einer mit Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa nimmt Abführmittel oder ist sportsüchtig.

Nicht jeder der laut BMI zu viel wiegt hat eine Essstörung. Und nicht jeder der ,,dick” ist, ist faul. Binge Eating und Esssucht sind ebenso Krankheiten, wie andere Krankheiten und nicht Folge von Faulheit oder genereller Disziplinlosigkeit.

Nicht jeder der Essanfälle hat schluckt die Lebensmittel. Trotzdem kann die Person darunter leiden.

2. Gute Ratschläge, die man sich als Außenstehender besser sparen sollte:

Sätze wie:,,Iss doch mal mehr/weniger.” oder ,,Mach doch mal mehr/weniger Sport.” und generell alle Sätze, die mit ,,du musst…” beginnen, helfen absolut gar nicht. Sie beschämen eher und sprechen dem/der Betroffenen den Leidensdruck ab oder setzen die Person zu sehr unter Druck. Denn könnte die betroffene Person ihr Verhalten einfach unterlassen, wäre sie nicht krank. Eine Essstörung ist eine Sucht!

,,Geh doch endlich mal zum Arzt” ist auch ein Satz, der nicht immer angebracht ist. Geht es um eine dir nahestehende Person, um die du dich sorgst, ist ein vertrauensvolles Gespräch, in dem du deine Sorge äußerst und zeigst, dass die Person dir wichtig ist, bestimmt nicht verkehrt. Sie kann dann selbst entscheiden was sie damit macht. Ist es keine Person, die dir nahe steht, gilt Nr.1 bzw. geht es dich nichts an. Geht es allerdings um eine minderjährige Person, ist es nicht verkehrt, wenn Lehrer, Erzieher etc., die Person fragen, ob diese Person Hilfe braucht und ggf. die Erziehungsberechtigten o.ä. benachrichtigen, falls ihnen ein selbstschädigendes Verhalten oder andere besorgniserregende Veränderungen auffallen

ABER, geht nicht davon aus, dass euer vielleicht gut gemeinter Rat auch befolgt wird. Viele Betroffene haben lange keine Krankheitseinsicht oder schämen sich zu sehr, um Hilfe zu suchen. Viele Essgestörte denken, dass sie Kontrolle über ihr Verhalten haben und die Furcht vor dem Essen/nicht Essen und/oder einer Gewichtszunahme und/oder ein Leben ohne die Krankheit ist zu groß.

Daran anknüpfend wird oft der Satz ,,Wenn du endlich mal zum Arzt gehen würdest, würde es dir besser gehen.” genannt. Aber auch das ist nicht nicht zwingend richtig. Ich kenne mehr essgestörte Menschen, die Mindestens in 3 Kliniken waren bzw. 3 Klinikaufhalte hatten und bei mehreren Therapeuten waren und teilweise bis heute nicht gesund sind, als welche die nach einer Therapie symptomfrei sind. Generell ist noch nicht einmal die Hälfte der Personen mit Essstörungen die ich kenne/kannte (und ja, ich kenne wirklich viele) symptomfrei (und es gibt viel mehr Symptome und Komorbiditäten, als ihr erahnen könnt). Was die meisten Außenstehenden unterschätzen ist, das unabdingbare Vorhandensein einer Krankheitseinsicht und den Willen eine Therapie zu machen. Ohne diese beiden Voraussetzungen, ist es eigentlich unmöglich gesünder zu werden. Schließlich reden wir hier nicht von einer Infektion, wo man nach Anweisung des Arztes nur genug Antibiotika schlucken muss, um wieder gesund zu werden.

Einer meiner ,,Lieblingsratschläge“ ist etwas ,,krankheitsübergreifend”, aber wegen der hohen Komorbidität durchaus auch hier relevant: ,,Mach doch einfach mal was schönes, dann geht es dir auch besser.” Viele essgestörte Menschen leiden an Depressionen.

Manche phasenweise, manche dauerhaft, manche leicht, manche schwer und manche gar nicht. Aber es gibt je nach Krankheitsbild Umstände, die es eigentlich kaum vermeiden lassen, nicht irgendwann zumindest kurzfristig eine depressive Phase zu entwickeln. Und auch wenn es von außen nicht nachvollziehbar ist: Depressionen bedeuten nicht, dass man etwas traurig ist und nur etwas unternehmen muss, was einen aufheitert. In der Depression heitert dich nichts auf und in der Depression macht auch nichts Spaß.

Depressionen sind eine Krankheit und keine Laune.

3. Fragen, die nachvollziehbar sind (zumindest wenn man gesund ist),
aber wirklich nicht helfen und dumme Kommentare, die man sich einfach sparen kann:

,,Kannst du dich nicht EINEN Tag zusammenreißen und mal etwas essen/dich nicht erbrechen/weniger essen etc.?!“. NEIN! Auch wenn es immer wieder bessere Tage gibt und der Betroffene schon eine Therapie macht und/oder es unbedingt schaffen will. Die Krankheit richtet sich nicht nach den Wünschen der anderen. Sie richtet sich ja noch nicht einmal nach den Wünschen der Betroffenen.

,,Isst du denn immer so wenig/viel?“; ,,Gehst du jetzt nach dem essen kotzen?“;,,Du isst aber wenig/viel?!” Niemanden geht es etwas an, wie viel oder wenig man isst. Und in welcher Welt ist es angebracht jemanden zu fragen, ob er sich jetzt erbrechen geht!? Das ist ein allgemeiner Rat! Selbst wenn du nicht weißt, ob die Person eine Essstörung hat, geht dich das Essverhalten anderer nichts an. Wie oft ich über die Vorgeschichte und/oder Genesungszeit von Betroffenen gehört habe, dass Menschen ihr Essverhalten ständig kommentiert haben. Ich kenne Betroffene, deren Eltern, ihrem normalgewichtigen und gesunden Kind ständig erzählt haben, dass es zu viel isst. Ich kenne Betroffene, die mit ihren Freunden aus Essen waren und jemand vor versammelter Mannschaft gefragt hat, ob die Person denn auf dem Klo auch gebrochen hätte. Hier kommt von anderen Menschen gerne der Kommentar:,, Sei doch nicht so empfindlich.“ ,,Leg’ dir mal ‘ne dickere Haut zu.” Erstens: Wo steht geschrieben, dass Sensibilität eigentlich etwas schlechtes ist!? Und zweitens: Wieso soll ich aufhören sensibel zu sein, wenn du auch einfach aufhören kannst ein Arschloch zu sein?! Wie immer gilt: Der Ton macht die Musik. Und denken bevor man spricht!

,,Warum machst du denn immer noch Therapie?; ,,Wie lange dauert es denn noch, bis du gesund bist?”; ,,Was? Du hast das immer noch? Du hast das doch schon x Jahre.” Alle diese Sachen fragen sich die Betroffenen wahrscheinlich selbst am häufigsten und machen sich dann Vorwürfe. Und genau so werden diese Fragen oft empfunden. Als Vorwurf. Man bekommt das Gefühl nicht schnell genug, nicht normal genug und überhaupt nicht gut genug zu sein. Natürlich ist hier auch immer entscheidend wer, wie und wann diese Frage stellt. Dachte z.B. eine Freundin, dass es ihrer Freundin/ihrem Freund doch wieder gut geht, weil sie/er doch wieder Normalgewicht hat und deshalb nachfragt, wieso die Person noch in Therapie ist, ist das eine andere Sache, als wenn Tante Irmgard das beim Familientreffen quer über drei Tische ruft, weil man gerade keinen Kuchen oder 3 Stücke Kuchen essen will (und siehe Punkt 1).

Und Fakt ist (und das ist für alle Beteiligten wahrscheinlich am schwersten) viele werden nie wieder gesund. Eine Essstörung ist eine Sucht. Man suchtet genauso nach seinen Symptomen (Essen, Hungern,Erbrechen, Sport etc.) wie andere nach Drogen oder Alkohol. Blöd nur, dass man ohne Drogen und Alkohol theoretisch leben kann. Ohne Essen nicht. Und das macht die Genesung so ungemein schwierig. Ein gesunder Mensch kann sich nicht vorstellen, wie sehr man seine Sucht braucht. So irre es auch klingen mag, die Sucht erfüllt einen Zweck. Der Mensch ist nicht dumm, meistens macht er nichts ohne Grund. Manchmal hält die Krankheit einen am Leben, manchmal steht sie einem zur Seite, wenn man sonst nichts und niemanden hat und meistens hilft sie einem etwas zu ertragen, was ein Mensch eigentlich nicht ertragen sollte. Und manchmal bringt sie einen um.

Je länger man die Krankheit hat und desto mehr Raum sie einnimmt, desto schwieriger wird es sie wieder loszuwerden. Und oft ist es so, dass man lernen muss damit umzugehen, weil sie nicht wieder verschwindet. Sein Leben lang.

Über Gewicht- Körpergröße Kombis reden, besonders am Essenstisch ist unnötig. Es interessiert einfach niemanden. Und für die, die es doch interessiert: Wieso ist das so wichtig??? Natürlich gibt es hier auch wieder Ausnahmen bla bla bla Kontext bla. Aber es bricht auch keinem etwas ab, wenn man es lässt, besonders wenn man weiß, dass essgestörte Personen anwesend sind. Für euch ist das nur eine kleine Info, für viele Betroffene aber unheimlich triggernd.

And last but not least:,,Du bist zu dick!“; ,,Du bist zu dünn!“; ,,Nimm endlich ab/zu!”; ,,Du bist hässlich!“ etc.pp. Einfach NEIN! Diese Wortwahl ist einfach immer und überall unangebracht

Wenn dein Gegenüber nicht dein Patient ist und aufgrund einer gewichtsbezogenen Krankheit zu dir kommt, weil du Arzt bist, geht dich das Aussehen eines anderen Menschen nichts an. Und auch Ärzte könnten sich überlegen, wie sie etwas formulieren!!! Und das mit dem hässlich kann sich nun wirklich jeder schenken. Nur Menschen, die anderen Menschen sagen, dass sie hässlich sind, sind im Herzen hässlich!

4. You don’t know nothing

So oft habe ich von anderen gehört:,,Ich weiß genau, wie du dich fühlst, ich habe auch mal versucht abzunehmen und einen halben Tag nichts gegessen. Das war soo furchtbar.”; ,, Ich war auch mal zu dick und habe ganz einfach mit xyz abgenommen.” Im Gegensatz zu Jon Snow habt ihr tatsächlich keine Ahnung. Du weißt nicht, was es bedeutet eine Essstörung zu haben.(Achtung Trigger!) Wenn du nicht seit 3 Tagen nur eine Hamsterration an Lebensmitteln gegessen hast, die du dir mit aller Kraft reingezwängt hast und jetzt mit schlechtem Gewissen Sternchen siehst, weißt du nicht, wie es ist eine Essstörung zu haben. Wenn du noch nie auf der Waage einen Nervenzusammenbruch hattest, weil die Zahlt nicht stimmt, hast du keine Ahnung. Wenn du noch nie mit wunden Knien, Magenschmerzen und Dehydrierung morgens um 2 auf dem Badezimmer vorm Klo zusammengebrochen bist, jep genau, hast du keine Ahnung! Wenn du dir noch nie gewünscht hast lieber zu sterben, als noch eine Sekunde länger in deinem Körper zu sein, hast du keine Ahnung. Wenn du noch nie innerhalb ein paar Minuten den gesamten Kühlschrank leer gegessen hast und dann heulend und mit tiefster Scham zusammengerollt auf dem Sofa lagst, weißt du nicht wie es ist. Wenn du noch nie von fremden Menschen als fett und deshalb hässlich bezeichnet wurdest, dann darfst du hier leider nicht mitreden. So könnte ich jetzt ewig weitermachen, aber ich denke man bekommt einen Eindruck.

5. Dinge die man tun kann

Viele werden sich jetzt wahrscheinlich denken ,,Da kann man ja eh nichts richtig machen!” –

,,Man macht ja eh immer was falsch.” dazu ein klares ,,Jein“. Man kann vieles machen, aber erwartet nicht, dass ihr dem anderen wirklich helfen könnt. Ihr könnt begleiten und unterstützen und Dinge unterlassen (siehe alles Vorherige). Ihr könnt zuhören und für den anderen da sein. Aber in den seltensten Fällen schafft man es ohne therapeutische Hilfe aus dem Teufelskreis heraus. Und schon gar nicht wenn man es nicht will.

Aber hier eine Liste:

Als Angehöriger/Freund o.ä.

  • Seid geduldig
  • Fragt, ob ihr etwas tun oder lassen könnt
  • Gerade wenn es um eure Kinder oder generell minderjährige Personen geht: Sucht Hilfe bei Beratungsstellen, Ärzten etc. auch wenn ihr erstmal alleine geht um euch Rat zu holen
  • Seid nachsichtig, wenn es einem schlecht geht, sagt man manchmal Sachen, die man nicht so meint
  • Setzt trotzdem Grenzen und passt auf euch selbst auf
  • Bleibt da. Auch wenn ihr mal eine Pause braucht oder es schwierig wird, geht nicht einfach.( Denkt aber an den vorherigen Punkt)
  • Ihr müsst denjenigen mit einer Essstörung nicht wie ein rohes ei behandeln, aber versucht empathisch und sensibel zu sein. Nicht alles was oben genannt wurde ist in jeder Situation unangebracht, aber denkt ein bisschen nach, bevor ihr etwas sagt
  • Denkt daran, dass die Essstörung eine Krankheit ist. Man kann lernen sein Verhalten zu ändern, aber jeder hat sein eigenes Tempo und seine eigene Art mit seiner Krankheit umzugehen. Nicht jede Therapie oder Klinik ist für jeden geeignet. Manchmal ist es nicht der richtige weg und manchmal nicht der richtige Zeitpunkt. Und manchmal ist die Krankheit zu stark und die Umstände sind zu schlecht

An Alle:

  • Hört auf andere nach dem Aussehen zu bewerten !!!
  • Das Essverhalten und der Körper von anderen geht euch nix an!
  • Ein bisschen mehr Empathie und Sensibilität im Leben hat noch niemandem geschadet, aber Leben gerettet

Alles hier erwähnte beruht auf meinen eigenen Erfahrungen. Es geht um Dinge, die ich selbst im Alltag, die Klienten, Freunde oder Bekannte erlebt haben und erleben müssen. Es gibt bestimmt Betroffene, die sich nicht mit all meinen Erfahrungen identifizieren können. Ich erhebe keinen Anspruch darauf für alle Betroffenen zu sprechen. Auch wenn dieser Selbstterfahrungsbericht anders aufgebaut ist, ist es genau das: Meine Erfahrung, mein Alltag. Aber wenn ich das schon mit anderen teile, könnte ja auch noch etwas gutes bei rum kommen 🙂 .

Vielen Dank an Alica für diesen Beitrag! Wenn du auch deine Erfahrungen teilen möchtest, schreibe mir einfach eine Mail an candywasteland@gmail.com

 

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