Das Schöne an Musik ist, dass man alles machen kann – Niklas von far beneath

Manchmal gibt es Zeiten im Leben, in denen Musik Menschen auch zum Außenseiter machen kann. Dass das für unsere Sozialkomponente nicht gut ist, wissen wir alle. Doch Niklas, Musiker & Frontmann von far beneath nutzte dies zu seinem Vorteil und entwickelte seine eigene musikalische Blase. Im nachfolgenden Beitrag erzählt er euch mehr darüber.

via Ulle Media

Hi mein Name ist Niklas ich bin 26 Jahre alt und spiele momentan Gitarre und singe in der Grunge/Punk-Band far beneath und Gitarre in einem Black-Metal / Hardcore-Projekt, welches sich erst vor kurzem gegründet hat und noch keinen Namen trägt.

Ich werde heute darüber schreiben was Musik zu so einen wichtigen Teil meines Lebens macht und wieso mir Musik dabei hilft besser mit mir selbst klar zu kommen- Ich glaube, dass man diese Fragen nicht eben schnell in drei Sätzen beantworten kann sondern weiter vorne anfangen muss.

“Ich hörte was das Radio spielte, fand Rock aber schon immer besser als Pop”

Ich bin und war schon immer geräuschaffin. Ich mag es wenn Vögel singen, ich mag Wind der durch ritzen pfeift oder den Donner, der die Stille der Nacht zerreißt. Als Kind wusste ich auch immer schon genau was ich hören wollte: Meine Oma ist heute noch betroffen davon, dass Sie mir nicht vorsingen durfte. Nur Mama durfte das. Dabei hatte Musik für mich zunächst keinen allzu hohen Stellenwert. Ich hörte was das Radio spielte, fand Rock aber schon immer besser als Pop. Hip Hop kannte ich nicht einmal. Als mein sieben Jahre älterer Cousin mir das erste Mal Bands wie Immortal, Knorkator und Dark Fortress zeigte änderte sich das: Diese lauten harten Gitarren und der schnelle Beat übten eine eigenartige Faszination auf mich aus. Und der Gesang war irgendwie seltsam aber auf eine gute Art. Geradlinig, roh – einfach nicht so glattgebügelt wie das was man sonst zu hören bekam. Ich war schlichtweg elektrisiert. Ich hatte nie auch nur für möglich gehalten, dass es solche Musik gibt. Und dass es technisch möglich ist solche Töne zu produzieren. Weder auf Instrumenten, noch –und das hat mich am meisten erstaunt – mit dem Mund. Ich ließ mir immer wieder CDs brennen und mir alles Mögliche an neuer Musik zeigen.

Ich war gerade in die weiterführende Schule gekommen. Bei aller Euphorie merkte ich jedoch schnell, dass nicht jeder diese Begeisterung teilen konnte. Meistens hörte ich also allein Musik in meiner frühen Jugend, manchmal mit meinem großen Bruder oder Cousin. Erst später fanden sich Freunde und Bekannte die einen ähnlichen Musikgeschmack hatten oder der Musik, die ich hörte etwas abgewinnen konnten. Die Konsequenz war, dass ich diese Ablehnung der Anderen auf mangelnde emotionale Intelligenz oder harmonisches Verständnis schob. Ich gab nach außen die Fassade, dass ich Andere ob ihrer mangelnden Aufnahmegabe bemitleidete und verlachte jede Art der populären Musik egal, welchen Genres.

Das retrospektiv Traurige an dieser Zeit ist, dass ich nichts lieber gehabt hätte als mit allen Menschen stundenlang über Musik zu reden. Alles war neu, alles war anders und ich wusste überhaupt nicht wohin mit diesen ganzen Eindrücken. Aber fast niemand, den ich kannte mochte die Musik, die ich hörte. Und ich besaß auch nicht die emotionale Reife zu erkennen dass Geschmäcker verschieden sind. Die Folge war dass ich mich musikalisch komplett abschottete. Bands und Genres die ich hörte idealisierte ich schließlich so sehr, dass für mich alle andere Musik einfältig, stumpf und seelenlos war. Die einzig ehrliche Musik für mich war der große Bereich Rock und Metal mit allen möglichen Subgenres.

“Flucht – Flucht aus dieser Welt, Flucht vor Problemen und die Möglichkeit für die Dauer des Songs nichts zu denken.”

Auf der weiterführenden Schule wollte ich dann auch selbst Musik spielen können und überlegte lange zwischen Schlagzeug und Gitarre bevor ich mich für letzteres entschied. Mein großer Bruder konnte das Drumset unserer Nachbarn für wenig Geld abkaufen und wir starteten unsere erste Band. Nach Skate-Punk mit zwei Schulbekannten im Kinderzimmer spielte ich mit vier Jungs, die alle mindestens drei Jahre älter waren als ich, primär Coversongs der Red Hot Chili Peppers, von Lenny Kravitz oder Jet. Ich gehörte irgendwie dazu, was mich ziemlich stolz machte. Ich schrieb den ersten eigenen Song für die Band, den wir dann auch bei einem ersten Konzert im Pfarrheim unseres Dorfes aufführten. Die Konstellation hielt aber nicht sehr lange und ich widmete mich zusehends Folk und Pagan Metal. Zum ersten Mal packte mich die Mischung aus Melodie und Brutalität innerhalb der Songstrukturen. Der Einsatz traditioneller Instrumente wie Flöten, Mandolinen und Dudelsack gepaart mit fantastischen Texten ließ mich zum ersten Mal das fühlen was mich seit dem nicht mehr losließ wenn ich Musik hörte: Flucht – Flucht aus dieser Welt, Flucht vor Problemen und die Möglichkeit für die Dauer des Songs nichts zu denken.

Ich wurde etwas älter und auch mein musikalisches Weltbild änderte sich, vor allem auch durch mein Umfeld geprägt. Ich fing an über den Tellerrand zu schauen. Während ich mit Killswitch Engage von meinem Cousin den ersten heißen Tipp zum Metalcore bereits einige Jahre vorher bekommen habe fingen As I Lay Dying und Alexisonfire gerade in meinem Freundeskreis an Wellen zu schlagen. Zunächst mochte ich es überhaupt nicht. Es war mir zu aggressiv. Bezeichnend für mein Verständnis von zu aggressiv zu dieser Zeit ist wohl auch, dass ich mir zeitgleich die Debut-Scheibe von Killswitch Engage und ‚The Will to Kill‘ von Malevolent Creation kaufte und ich letztere in keiner Weise brutal fand. Erstere schon. 

Ich konzentrierte mich also weiter auf die Gitarre, spielte aber auch immer wenn es ging mal eine Runde Bass oder Schlagzeug. Ich wollte so gut wie möglich verstehen, was die anderen in der Band machten. Einer meiner besten Freunde hatte inzwischen eine Hardcore Band gegründet. Das war zu diesem Zeitpunkt zwar überhaupt nicht mein Genre, aber ich stieg mit ein als deren Gitarrist für ein Jahr in den Schüleraustausch in die Staaten ging. Mir ging es primär darum Musik zu machen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch noch nicht, dass ich mit Their Decay, das erste Mal ins Studio gehen würde, Labelverträge unterzeichnen würde und Shows in ganz Deutschland und sogar eine im Ausland spielen würde.

Als sich die Musik vom Hardcore zum Post-Hardcore, beziehungsweise Metalcore wandelte konnte ich damit auch irgendwann etwas anfangen, nachdem ich die Musik auch privat hörte. Das Schöne an Their Decay war, dass wir nicht nur Musik machen wollten, sondern wir wollten professionell darin sein. Wir probten jede Woche zwei Mal für mindestens vier Stunden, und das hörte man schließlich auch. Mit dieser Routine konnte man sich während dem Spielen auf andere Dinge konzentrieren, etwa seine Bewegungen oder mitzusingen. Die Shows waren immer schweißtreibend und intensiv. Es gibt für mich nichts Schöneres als auf eine Bühne zu gehen mit dem Wissen dass ich mir keine Gedanken machen zu brauche ob Dinge funktionieren werden. Dann kann man einfach den Kopf ausschalten alles was einen beschäftigt hinter sich lassen und genau das fühlen was man spielt – und das war bei Their Decay meistens hart, aggressiv aber trotzdem melodisch. Ich könnte normalerweise keiner Fliege was zu leide tun und sitze lieber gemütlich rum als mich zu bewegen, bei unseren Shows sprang ich eigentlich permanent, stampfte umher, warf meine Gitarre herum und riss mir den T-Shirt-Kragen aus während ich die Texte mitbrüllte. Ich glaube in jedem anderen Kontext, auch als Zuhörer würde ich so etwas nie tun – das wäre mir wirklich unangenehm. Aber immer wenn ich eine Bühne betrat war ich ein ausgewechselter Mensch: Ich war für die 45 Minuten nicht ich, sondern der Typ, der bei der Band da Gitarre spielt – und genau das habe ich auch abliefern wollen. Wenn ich die Bühne betrat ließ ich alles zurück und legte einen Schalter in meinem Kopf um; ich hatte keine Probleme mehr, keine Sorgen sondern lebte nur für diesen Augenblick.

via Jan Neumann

Viel schwerer ist dies jedoch wenn man der Musik auch eine Stimme gibt. Parallel zu Their Decay gründete ich eine eigene Band die in Richtung Grunge und Punk gehen sollte. Die zwei Musikrichtungen die mich neben dem Metal immer am meisten geprägt haben. Als ich merkte, dass mich die Musik von Their Decay nicht mehr erfüllte, das es mehr Pflicht geworden war als Vergnügen traf ich die schwierige Entscheidung die Band nach fast neun Jahren zu verlassen und konzentrierte mich auf far beneath. Ich komponierte bereits seit Jahren eigene Songs und mangels Sänger*in schrieb ich Texte und sang. Das konnte ich nicht, aber brachte es mir mehr oder weniger selbst bei. Dabei bemerkte ich vor allem auch dass es einen großen Unterschied macht ob man beim Singen selbstbewusst ist oder nicht.

Selbstbewusstsein war nie mein Ding: Ich steh nicht sonderlich drauf mich irgendwo zu profilieren. Und da ich ein konfliktscheuer und harmonieliebender Mensch bin stecke ich auch immer mal wieder zurück, beharre nicht auf meinem Recht und lass mich auch mal in einer größeren Runde, obwohl ich Recht habe, für irgendetwas zum Deppen machen um die Stimmung nicht kaputt zu machen – wahrscheinlich auch weil mir viele Dinge zu egal sind um auf meinem Recht zu beharren. Wenn man dies bedenkt ist es gar nicht so einfach selbstbewusst auf einer Bühne zu stehen und beim Singen zu denken dass man selbst der Geilste ist. Und zum Teil sage ich mir wirklich fünf Mal im Kopf, dass ich ein grandioser Sänger bin bevor ich anfange zu singen. Ich weiß zwar dass ich mich selbst belüge aber es klappt einigermaßen. Deswegen hasse ich es auch Ansagen zu machen. Beim Ansagen machen spreche ich ganz normal, so wie im Alltag. Die Abgrenzung von Bühnen-Ich und meiner Persönlichkeit ist schwierig und gelingt mir nicht. Deswegen bin ich unsicher nervös und sage lieber gar nichts als große Reden zu schwingen.

“Und gerade melancholische, traurige Musik erfüllt mich persönlich mit Glücksgefühlen.”

Ich glaube das Schönste an Musik ist, dass man alles machen kann. Heute denke ich anders über viele Dinge. Heute höre ich The Distillers, danach eine Olafúr Arnalds Platte, gehe zu Der Weg einer Freiheit und danach zu Herr von Grau oder Amy Winehouse. Die Basis für all diese Musik ist die gleiche und die Stimmungen, die sie vermitteln sind auch gar nicht so verschieden – zumindest für mich. Und gerade melancholische, traurige Musik erfüllt mich persönlich mit Glücksgefühlen.

Doch wenn man viel Musik hört und auch selbst Musik macht, kann es schnell passieren, dass man nichts mehr gut oder originell genug findet und man den Anspruch an sich selbst viel zu hoch setzt. Vor allem wenn man nach seinem Every-Day-Job nach Hause kommt sollte man nicht die Zielsetzung haben an diesem Abend noch den eingängigsten und dabei originellsten Song der Welt zu schreiben. Doch das ist leichter Gesagt als getan. Ich glaube der Grund warum viele Musiker ausbrennen, zu Drogen greifen oder anderweitig abstürzen ist, weil sie einen unfassbar hohen Druck an sich selbst richten. Ich selbst will mich ausdrücken. Jeden Tag auf der Arbeit rattert mein Kopf darüber, wie ich welches Riff und welche Gesangsmelodie wo über welches Drum arrangieren kann, parallel will ich aber noch ein Buch schreiben und ein Ölgemälde malen (was ich im Übrigen wahrscheinlich nicht mal mit drei Jahren Übung ansehnlich schaffen würde). Dann komme ich nach Hause, spiele wenn überhaupt noch ein paar Stunden und bin mit dem Endergebnis nicht zufrieden, was meine Stimmung für den nächsten Tag vermiest und den Schaffensdrang für den Abend umso stärker werden lässt. Doch der Abend ist ähnlich wie der vorherige: Zeitmangel, Erschöpfung vom Arbeitstag und gezwungene Kreativität sind keine gute Arbeitsatmosphäre.

Ich weiß dies alles und bin trotzdem unglücklich mit der Gesamtsituation. Entschädigend dafür sind die zwei Tage der Woche in denen ich im Proberaum stehe und das fühle wie der Schall meinen Körper erfasst. Dieses Gefühl möchte und werde ich gegen nichts in der Welt eintauschen wollen.

Danke an Niklas für diese offenen Worte! Wenn ihr mehr von seiner Band far beneath hören wollt, dann schaut mal auf ihrer Facebook Seite vorbei.

Quellen der Bilder sind alle angegeben, das ohne stammt aus meinem eigenen Archiv.

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