Die Sache mit dem Arbeits-Ich

Eine Frage, mit der ich mich immer wieder auseinandersetzen muss, ist die Frage ob ich überhaupt in der Lage sei zu arbeiten mit meinen Erkrankungen. Darauf gibt es nur eine klare Antwort – Ja! Wieso ich das miteinander vereinbart bekomme und was mir dabei hilft, trotz der Borderline Schübe einen Arbeitsalltag verfolgen zu können, erkläre ich in diesem Beitrag.

Allgemein muss ich zuerst sagen, dass ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe dann möchte ich das auch zu 100% durchziehen. Das kann sehr oft von Vorteil sein, muss es aber auch nicht. Wenn ich für eine Idee oder Vorhaben brenne, dann richtig. Ich muss es sofort in Angriff nehmen und es in irgendeiner Weise anpacken. Das ist auch die Art & Weise wie dieser Blog hier entstanden ist. Diese Verhaltensweise von mir kann ich mir, gerade im Bezug auf Arbeit, sehr gut zu nutzen machen. Wenn etwas mein Interesse geweckt hat, bin ich der motivierteste Mensch auf Erden und sammle tausend Informationen zusammen. Ich gehöre zu der Art Mensch, die auf “Learning By Doing” Lebensweise schwört, jeder findet auf eine gewisse Weise Zugang zu Themen und das Internet ist voll mit Anleitungen, Informationen und Tipps. Mir fällt es auch nicht schwer neue Dinge zu erlernen, ich brauche nur meine Zeit und Übung, dann läuft das schon.

Doch öfter muss ich mich den Fragen stellen, wie ich denn einen Beruf ausüben will, der soviel mit Interaktion mit fremden Menschen, Verpflichtungen & Verantwortung zutun hat. Ob ich überhaupt in der Lage sei mit einer Angststörung auf Konzerte zu gehen oder Musiker zu interviewen. Meine Lösung ist mein Arbeits-Ich.

Mein Arbeits-Ich ist die badass Variante von mir, die straight ihre Aufgaben erfüllt und im Job ihre Erkrankung ganz gut wegstecken kann. Ich weiß, dass ich beispielsweise ein Interview führe um a) damit mein Geld zu verdienen und b) andere Menschen auf mich zählen in diesem Moment. Außerdem ist es das was ich liebe und ich arbeite mir wirklich den Arsch ab für solche Dinge. Denn grade wenn es um meine berufliche Zukunft geht, kommt der Kämpfer in mir ans Tageslicht. Ich wurde mein Leben lang unterschätzt und nicht ernstgenommen, weshalb ich nun alle von dem Gegenteil überzeugen möchte und auch mir selbst zeige dass ich es kann, egal was irgendwelche Chefs oder Kollegen aus meiner Vergangenheit sagen.

Meine Erkrankungen stehen mir während ich arbeite nicht im Weg, natürlich kann es sein dass ich Dinge mit nachhause nehme und dort dann Depressions- oder BPD Schübe kommen. Aber das ist noch nie etwas gewesen, was auf irgendeine Weise Einfluss auf meine Arbeit hatte. Ich schaue mit welcher Situation ich umgehen kann und welcher ich mich nicht gewachsen fühle. Wenn ich dabei auf Hindernisse stoße überlege ich mir Strategien, wie ich damit umgehen kann. Beispielsweise hatte ich vor kurzem Meetings in Berlin, wofür ich die Busfahrt in Kauf genommen habe, weil ich dabei ein Ziel verfolgt habe. Im privaten Bereich stellen gerade längere Zeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln mit vielen Menschen eine ziemliche Belastung für mich da. Wenn ich aber weiß, dass es dabei um einen (potentiellen) Job geht, schaltet sich mein Arbeits-Ich ein. Ich ziehe es einfach durch und schaue, dass ich die Situation so gut wie möglich meistere. Ich nehme mir eigene Pausen, wie mich kurz zum Rauchen abzukapseln oder vorher/nachher meine Calm Down Playlist zu hören. Einfach um mir etwas bekanntes mitzunehmen, wovon ich weiß das es mich beruhigt.

Auch wenn ich am liebsten im redaktionellen Bereich arbeite, musste ich in der Vergangenheit schon des öfteren im Einzelhandel arbeiten, einfach um mein Leben finanzieren zu können. Das hat nach außen ganz gut funktioniert, denn sobald ich im Laden stand war ich die Arbeits-Sammy – freundlich, offen, gesprächig und immer hilfsbereit. Ich trug in vielen Läden eine Art Maske, auch um mich selbst zu schützen. Denn wenn wir alle mal ehrlich sind, die meisten Menschen im Einzelhandel werden von Kunden ziemlich beschissen behandelt. Sehr oft durfte ich mir unpassende Kommentare zu meinem Erscheinungsbild anhören, die einfach in der Situation nichts zu suchen hatten. Jedoch blieb ich immer freundlich und lächelte es weg, klar nahm ich die Worte mit nachhause. Aber hej, was weiß ein Kunde denn schon über dich, durch die paar Minuten die er mit dir im Laden im Kontakt ist? Richtig, gar nichts!

Ich habe auch in den letzten Jahren angefangen, meinen Arbeitgebern klar zu sagen “Hej, ich habe eine Erkrankung aber ich bringe trotzdem meine volle Leistung”. Denn so umgehe ich das verstecken der schlechteren Tage und der Arbeitgeber weiß von vorneherein, womit er es zu tun hat. Natürlich schätze ich das auch ab, ich muss es nicht jedem gleich auf die Nase binden. Jedoch nimmt es oft eine Menge Druck aus der Situation. Bislang habe ich mit meiner Offenheit auch nur positive Rückmeldungen bekommen, ich bin mir aber bewusst, dass das nicht immer so sein wird.

Für die Zukunft peile ich einen Job an, bei dem ich eine Menge Selbstständigkeit an den Tag legen muss. Das stellt für mich an guten Tagen absolut kein Problem dar, da ich wie oben schon erwähnt, ein sehr selbstständiger und ehrgeiziger Mensch bin. Ich mag es kreative Freiheiten zu haben und meinen Tag nach meinen Regeln zu gestalten, jedoch muss ich mir selber für schlechte Tage ein Fangnetz bauen. Das sieht konkret bei mir so aus, dass ich mir eine Tagesroutine aufstelle. Grade für Home-Office Tage habe ich einen Plan über meinem Schreibtisch hängen, der mir einen festen Ablauf gibt. Damit ich nicht abschweife oder mich hängen lasse. Natürlich klappt das nicht an allen Tagen, aber es hilft schon ungemein eine Struktur zu haben. Deshalb mochte ich auch die festen Vorgaben im Einzelhandel, zu wissen wann ich arbeite und was meine Aufgaben sind um mich vorher darauf einstellen zu können. Das ist in vielen anderen Jobs so nicht möglich, grade mit dem Anpeilen der Selbstständigkeit als freier Autor. Deshalb ist es für mich extrem hilfreich, mir eigene Strukturen zu bauen, denen ich folgen kann.

Momentan verbringe ich sehr viel Zeit mit den Aufgaben im Home-Office für ein eigenes Projekt hier auf dem Blog, was in Kürze startet. Dabei sitze ich momentan viel am Laptop, schreibe Mails und bereite Interviews vor. Was mir riesigen Spaß macht, jedoch muss ich auch immer mal wieder schauen, dass ich mich selbst etwas heraus hole und nicht überlaste, in dem ich mal raus gehe. Sei es einkaufen oder mit Freunden treffen. Denn nur an der Arbeit zu kleben, grade wenn man sie sich selbst auferlegt, kann zu extremen Stress in meinem Kopf führen. Doch dieses Projekt möchte ich schon seit sehr langer Zeit in Angriff nehmen und ich freue mich, wenn es endlich in die Startlöcher geht. Also stay tuned!

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