Selbstliebe ist der Kampf gegen die Magersucht// Celine

Selbstliebe kann viele Facetten haben & wir alle wachsen an der Aufgabe uns selber mehr zu lieben. Deshalb habe ich einen Aufruf bei Instagram gestartet und gefragt was für euch Selbstliebe bedeutet. Celine hat mir dies im folgenden Beitrag beantwortet.

Hej, kannst du dich kurz vorstellen ? 
Mein Name ist Celine, ich bin 21 Jahre alt und studiere Lehramt in Dresden.
Ich bin ein ziemlich anspruchsvoller Mensch, wenn man eng mit mir zusammenlebt. Meine Freunde meinen regelmäßig, ich sei zu nett für die Welt, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich ein unglaublich ausgeprägtes Helfersyndrom besitze. Ich bin Perfektionistin und schon immer top durchorganisiert. In der Uni hängt das aber vor allem damit zusammen, dass ich absolut nicht stressresistent bin, was ich stets versuche mit guter Planung zu kompensieren. Ich habe quasi für alles To-Do Listen, damit ich keine Aufgabe vergesse. Es gibt trotzdem kaum eine Nacht, in der ich entspannt einschlafen kann, weil mir immer wieder Sachen durch den Kopf gehen, die noch erledigt werden müssen. Ich bin eigentlich immer unter Strom und habe fast jede Nacht Albträume. Trotzdem schaffe ich es nur selten, mir für das neue Semester weniger Aufgaben, weniger Stress aufzubürden. Stattdessen wird es tendenziell immer mehr. Neben dem normalen Unialltag habe ich mindestens einen, oft sogar mehrere Nebenjobs, gehe regelmäßig zum Sport und versuche meine Freunde nicht zu vergessen. 
Meine Kontrollzwänge heute kommen wahrscheinlich von der Essstörung, die ich mit 16 bekommen habe. Damals hieß die Diagnose Magersucht und Depressionen, Krankheiten die mich ein Leben lang begleiten würden. Für jemanden wie mich, der immer so lange an etwas arbeitet, bis es perfekt ist, war so eine Aussage nicht zu fassen. Nach 4 Monaten stationärem Klinikaufenthalt habe ich mich für geheilt gehalten und die ambulante Therapie hat mich nicht mehr interessiert. Solange bis ich rückfällig wurde. 5 Jahre und viele weitere Stunden bei Therapeuten später weiß ich, dass meine Ärzte damals recht hatten. Vielleicht gibt es wirklich den ein oder anderen, der sich nach einer ähnlichen Diagnose wieder vollständig geheilt fühlt, aber ich gehöre auf jeden Fall nicht dazu. 

Was bedeutet Selbstliebe für dich?
Für mich bedeutet Selbstliebe in erster Linie, zu akzeptieren, dass meine psychischen Krankheiten zu mir gehören. Sie sind weniger ein Fehler an mir, den ich unbedingt schnellstmöglich beheben muss, damit ich endlich wieder “perfekt” sein kann, sondern viel mehr ein Zeichen meines Körpers, dass irgendwas daran nicht stimmt, wie ich gerade lebe. Sie zeigen mir, dass ich mit meinem Körper und/oder meinem Geist sorgsamer umgehen muss. Gedanken, die ich aus schlimmeren Zeiten meiner Magersucht kenne, kommen besonders in Prüfungsphasen zu mir zurück. Sie kommen in Wellen und blinken in meinem Kopf auf wie eine Warnleuchte. Ich habe gelernt, auf diese Gedanken besonders zu achten und mir öfter Auszeiten zu nehmen, wenn ich diese Warnungen meines Körpers an mich selbst bemerke. Selbstliebe bedeutet für mich auch, in solchen Momenten stark zu bleiben und mich immer wieder neu für den Weg gegen die Magersucht zu entscheiden. Ich weiß jetzt auch, dass stark zu sein, nicht immer bedeuten muss, dass man alles alleine gestämmt bekommt. Selbstliebe bedeutet für mich nämlich in diesem Sinne ebenfalls, mir bewusst Hilfe zu suchen, wenn ich merke, dass mir die Kraft für einen neuen kleinen Kampf fehlt. 
 
Was magst du am meisten an dir?
Obwohl es mir mein Leben manchmal schwerer macht, als es sein müsste, mag ich meinen Perfektionismus mittlerweile. Ich bin stolz auf mich, wenn ich Projekte nach langer Arbeit gut abschließe. Ich bin auch stolz darauf, wie organisiert ich bin, weil mir meine Planungen oft helfen, besser mit meinen Ängsten umzugehen.
Außerdem mag ich meine Haare. Ich habe braune Locken, die ich jahrelang schrecklich langweilig und uncool fand, irgendwann ist aber der Schalter gekippt und jetzt können sie mir nicht lang und lockig genug sein. 
 

Was würdest du deinem Teenager-Ich zu dem Thema gerne mit auf den Weg geben?

 1. Brich die ambulante Therapie nicht ab, auch wenn es manchmal ätzend ist und du keinen Fortschritt spürst. Knie dich rein. Halte durch, sonst fängst du kurze Zeit später wieder von vorne an. 
2. Verbanne die giftigen Freundschaften aus deinem Leben, die dich eigentlich nur immer tiefer in dein Schlamassel ziehen. Und damit im Zusammenhang auch: Umgib dich mit positiven Menschen. Solche, die ihre Probleme angehen und die psychische Krankheiten nicht glorifizieren. 
3. Wenn du in einer “Beziehung” steckst, in der du körperlichen und/oder seelischen Missbrauch erfährst, dann hol dir sofort Hilfe. Und nein verdammt, offensichtlich liebt er dich nicht. 

4. Du bist schön. Innerlich und äußerlich, genau so, wie du bist! 

Wie viel Einfluss haben soziale Medien wie Instagram & Co. auf dein Selbstbild?
Sowohl Instagram als auch Werbungen diverser Modemarken haben in meinem Kopf Schönheitsideale verfestigt, die sich für mich im Laufe der Zeit nicht nur als unrealistisch, sondern auch gefährlich für meinen Körper und meinen Geist herausgestellt haben. Dünnsein wurde für mich bis ins kleinste Detail glorifiziert und dadurch, dass ich jeden Tag wieder durch meinen Feed gescrollt bin, um zu sehen wie viel schlanker, erfolgreicher und “perfekter” alle anderen sind, schien “dünn werden” irgendwann als einzige Perspektive. Meinen Körper so zu akzeptieren, wie er war, kam gar nicht in Frage. 

Dazu haben leider auch diverse Tumblr-Blogs beigetragen, welche mir mit 16/17/18 das Gefühl gegeben haben, Essstörungen zu entwickeln/zu erhalten/zu verfestigen, sei erstrebenswert. Erst vor 1-2 Jahren hat sich dieses Bild in meinem Kopf wieder geändert. Und so negativ wie sich die Profile von diversen Models und Fitnessbloggern damals auf mein Selbstbild ausgewirkt haben, so sehr musste ich dagegen ankämpfen mich mit eben diesen zu vergleichen. Heute folge ich nur noch Profilen, die mir ein gutes Gefühl geben. Mich inspirieren nicht mehr der BMI, der Körperfettanteil oder die Thigh Gap eines Menschen, sondern seine Worte, seine Projekte, seine Art, die Welt zu sehen. Ich weiß, dass ich nicht vollkommen auf Instagram und Co. verzichten kann/will, aber ich habe gelernt Social Media so zu nutzen, dass ich mir davon etwas Positives mitnehmen kann. 

Was hilft dir dabei, dich mehr zu akzeptieren und zu lieben?
Ich nehme mir regelmäßig Zeit für mich. Das klingt so klischeehaft, weil man das gefühlt in jeder Frauenzeitschrift lesen kann, aber es hilft. Wenn ich sehr gestresst bin, nehme ich in der Regel super lange Bäder oder überrede meine Freunde zu lustigen Aktivitäten. Zu solchen Momenten versuche ich außerdem bewusst auf Social Media zu verzichten und einfach den Moment zu genießen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir diese bewussten Auszeiten von meinem stressigen Alltag auch ein besseres Gefühl mit mir selbst geben. 
 
Möchtest du noch irgendwas loswerden oder den Lesern mit auf den Weg geben?

Bitte, bitte, bitte schämt euch nicht für eure psychischen Krankheiten. Und bitte gebt euch nicht auf. Ihr seid alle so unfassbar wichtig für diese Welt. 

Danke an Celine für diese offenen und wunderbaren Worte! Wenn ihr mehr von ihr lesen & sehen möchtet, dann schaut doch mal auf ihrem Instagram Account vorbei.

Alle Bilder in diesem Post stammen von Celine.

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