My Story – Pauline

Hallo, mein Name ist Pauline und ich bin 21 Jahre alt.

Ich habe keine Erkrankungen, bin auf keine Medikamente angewiesen und kann mein Leben ohne Einschränkungen leben. Und trotzdem bin ich oft am strugglen. Das merke ich jetzt nicht direkt im Alltag, sondern eher wenn ich alleine bin, das fällt mir oft schwer, weil dann meine Gedanken wandern und das zu Orten, die mir nicht gefallen. Erinnerungen, schlimme Situationen und mein schlimmster Schicksalsschlag.

Als ich in die Pubertät kam, so mit 12-13, habe ich versucht mich selbst zu finden (wie bestimmt jeder in dem Alter). Durch meine extremen Experimente an meinem Aussehen (selbstrasierter Irokese mit 13, den kompletten Regenbogen auf dem Kopf etc.) eckte ich oft bei meinen Eltern an und bekam schnell Minderwertigkeitskomplexe. Ich habe mich nicht verstanden gefühlt, zum Teil auch ignoriert oder nicht beachtet, einfach unwichtig. Meine Schulzeit wurde zu der einsamsten Zeit an die ich zurückdenken kann. Ich hab mich im Alter von 13 zum ersten Mal geritzt. Und dabei blieb es nicht; das ging so lange bis ich 15 war. Ich ging zu mehreren Therapien, die alle nichts genützt haben (leider). Ich hab mir mehrmals versucht das Leben zu nehmen mit 14 und 15, magerte mir 12 Kilo in sechs Wochen ab und mein Selbstwertgefühl war gleich 0.

Doch da gab es immer diese eine Band; My Chemical Romance.

Ich wuchs an meinen Fehlern, hab gelernt, mich selbst zu reflektieren und zu lieben. Ich kann heute stolz sagen dass ich Selbstbewusstsein besitze und mich so liebe wie ich bin. Diese Band hat es geschafft dass es bei mir „Klick!“ macht und ich heute immer noch am leben bin.

Wo wir zum nächsten, weitaus extremeren Thema kommen.
Vergangenen Juli habe ich meinen fünf Jahre älteren Bruder verloren. Er ist ungewollt von einem Güterzug erfasst worden, zehn Tage vor seinem 26. Geburtstag. Es wird einem buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Du erstickst, und gleichzeitig hast du Schnappatmungen. Du denkst du bist taub und fühlst nichts, während du
zur gleichen Zeit einen unendlichen Schmerz in dir trägst. Es ist einfach nur unfair. Ich finde mich oft Nachts in meinem Bett wieder, hellwach, und frage mich was man gemacht haben muss um so was erleben zu müssen. Du fragst dich tausend Dinge: Warum gerade meine Familie? Warum mein einziger Bruder? Warum so früh? Warum hätte es nicht verhindert werden können? Du hast diese ganzen Frage im Kopf und weißt trotzdem ganz genau dass du niemals eineAntwort drauf bekommst.

Wenn ich andere Geschwisterpaare sehe, vor allem wenn es einen älteren Bruder gibt, merke ich wie eifersüchtig ich werde. Ich hab das nicht mehr, ich bin jetzt ein Einzelkind. Ich werde niemals Tante werden, meine Kinder werden niemals einen Onkel oder Cousins/Cousinen haben. Auf meiner Hochzeit wird jemand fehlen. Es ist einfach erdrückend, es ist unfair seinen Namen auf einem Grabstein zu sehen und damit leben zu müssen.
Der Priester damals hat auch die richtigen Worte gewählt, die ich nie vergessen werde: „Wir müssen das jetzt ertragen.“

Aber kann das ein einzelner Mensch? Der das gleiche Fleisch und Blut in sich hat, den gleichen Nachnamen trägt und die gleiche Kindheit hatte?

Meine Antwort darauf ist: ja und nein. Ja, man kann es, aber nicht allein. Ich habe mich in der Woche vor der Beerdigung meines Bruders mit Freunden getroffen, auch von ihm, und ihm gedenkt. Wir haben die ganzen lustigen Partystories über ihn ausgepackt. Es gibt so viele Geschichten die uns einfach zum lachen gebracht haben. Ich habe witzige Videos und Fotos von ihm, die ihn einfach so zeigen wie er immer war.

Und nein, man kann es nicht. Es wird immer dieses Loch im Herzen bleiben, das niemand füllen kann. Er wird immer fehlen, zu jeder Familienfeier, zu jedem Geburtstag und zu jedem Feiertag. Ich will ihn so viel fragen, ihm so viel erzählen, ihn umarmen und seinen Geruch in der Nase haben. Und zu wissen dass das in diesem Leben niemals wieder so sein wird ist einfach die pure Inkarnation von Schmerz.

Was mir immer hilft sind meine Eltern, mein Verlobter, meine Freunde und die Erinnerungen an ihn. Sie werden niemals verblassen und sind mein wertvollster Schatz. Ich habe einiges über mich gelernt dadurch, und ich bin nachdenklicher geworden, vorsichtiger, aufmerksamer. Auf Bahnsteigen gehe ich nie über die gestrichelte Linie, nur
wenn der Zug schon steht. Ich schätze viel mehr, koste alles aus, sauge viel in mir auf und präge mir viel mehr ein. Ich bin einfach so viel dankbarer geworden.

Mein Bruder ist zwar über 60 Jahre zu früh gegangen, aber ich weiß dass ich ihn eines Tages ihn wieder sehen werde, und das lässt mich weitermachen. Und egal was mein Bruder mal wegstecken musste (seine erste Freundin hat ihn betrogen, er hat sein Studium abgebrochen um seine wahren Interessen und Stärken zu finden), er hat
immer weiter gemacht. Er hat nie aufgegeben. Meinen Bruder gab es nie ohne ein Grinsen auf dem Gesicht und mit einem zynischen Spruch auf den Lippen. Und daran halte ich fest. Wenn ich jeden Morgen im Bett liegen bleiben würde und nur weinen würde, dann würde ich die Erinnerung an meinen Bruder beschmutzen. Das wäre seiner nicht würdig.

Also mache ich weiter. Mit meinem Bruder als Vorbild.

Vielen Dank an Pauline für ihre offenen Worte und den Mut dies online zu schreiben! Ich habe euch Paulines Instagram verlinkt, dort könnt ihr sie selbst im Netz finden und Feedback zur ihrer Geschichte da lassen.

Wenn du dich jetzt durch Paulines Mut inspiriert fühlst und auch gerne deine Geschichte erzählen möchtest, schreib mir einfach eine Mail. Alle Infos findest du auf der Kontakt-Seite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.