Im Tabletten-Dschungel – Anonym

Das erste Antidepressiva wurde mir mit 16 auf Grund meiner schweren Depressionen und Anorexie (PTBS bedingt) verschrieben. Damals habe ich michnicht getraut es zu nehmen, weil die Nebenwirkungen, die aufgelistet waren, mich umgehauen haben. Und alles, was potenziell eine Zunahme verursacht war sowieso schon raus. Außerdem fand ich es merkwürdig, dass einer 16-jährigen nach einem 10 Minuten Gespräch solch ein Medikament verschrieben worden ist. Mit der Zeit besserte sich mein Zustand nicht, nur die Form der Essstörung änderte sich. Hinzu kamen alte Zwangshandlungen.

Als ich mit 18/19 dann das zweite Mal in eine Klinik ging, wurde mir direkt ein Antidepressivum (SSRI) gegeben. Das war dort die pauschale Behandlung für jeden. Ohne große Aufklärung einfach mal Tabletten rein und fertig. Es wurde nicht auf Nebenwirkungen geachtet, auch wenn ich diese ansprach. Die ersten Wochen waren hart, aber irgendwann gewöhnte ich mich daran und nahm manches so hin, da es ja angeblich nicht von den Tabletten kam. Als sich dann noch einige Lebensumstände nach der Klinik zum positiven änderten, wurde ich das, was die Ärzte wohl als stabil bezeichnen würden. Keine krassen Stimmungsschwankungen mehr, schlafen konnte ich irgendwann auch etwas besser, ich machte mein Abitur und hatte 2-3 Nebenjobs und lebte mit meinem Freund zusammen.

Auch die Essstörung spielte sich nur noch in meinem Kopf ab. Von außen sah alles ok aus,aber ich fühlte mich abgestumpft und immer müde. Ich viel in keine Krise mehr, aber ich konnte mich auch nicht mehr richtig freuen. Zuerst habe ich die bleierne Müdigkeit auf die stressige Zeit mit Schule und Arbeit geschoben. Aber ich war immer müde, wenn ich weniger als 9 Stunden Stunden geschlafen hatte und schlief sogar im Unterricht ein oder verpasste meine Haltestelle, weil ich eingeschlafen war. So hatte ich wenig Kraft dafür neben den Verpflichtungen noch etwas für mich zu tun.

Also schlich ich das Medikament nach 2,5 Jahren aus. Und fühlte mich mehr wie ich. Und diese unsagbare Müdigkeit war weg. Damit kamen aber die Probleme auch wieder. Stimmungsschwankungen, Essstörung, Depression, Zwänge…Ich schlug mich dann lange ohne Medikamente durch, weil meine Erfahrung so negativ war. Erst als ich zu allem anderen eine Schmerz-und Somatisierungstörung bekam und ich überhaupt nicht mehr einschlafen konnte, gab ich den Medis wieder eine Chance. Wir probierten es mit trizyklischen Antidepressiva, die mich aber auch nur müde machten oder gar nicht wirkten. Ich habe dann noch ne Menge andere ausprobiert (auch Neuroleptika). Leider waren die Nebenwirkungen für mich zu stark. Manchmal hielt ich es auch nur ein paar Tage aus. Gerade wenn ich allein zu hause war.

Bei meinem letzten Klinikaufenthalt probierten wir dann so ziemlich das einzige aus, welches ich noch nicht versucht hatte (SSNRI). Leider vertrug ich das auch nicht so gut und musste mit der Dosierung runter gehen. Zumindest hilft es mir soweit, dass ich oft nur eine halbe Schlaftablette benötige und keine ganze mehr. Zusätzlich habe ich ein Benzodiazepin bekommen, welches mich leider abhängig gemacht hat, da es mir zu lange gegeben wurde (große Vorsicht bei Benzos!).

Als Zusammenfassung möchte ich also sagen, dass es wichtig ist, sich zu informieren, was man da nimmt und dass man am besten nicht allein ist in der Einschleichphase. Ebenso wichtig istes, dass man auf Nebenwirkungen achtet, dem Medikament aber auch eine gewisse Zeit zum Einschleichen lässt. Viele Nebenwirkungen können in den ersten Tagen/Wochen wieder verschwinden. Ich denke auch, dass es wichtig ist sich nicht drängen zu lassen und sich von Ärzten nicht über den Mund reden zu lassen. Das finde ich sehr schwer, wenn man in einer depessiven Episode ist, deswegen ist es immer gut, wenn man Unterstützung hat. Denn trotz meiner schlechten Erfahrung, weiß ich, dass es viele gibt, denen Antidepressiva wirklich helfen. Ich wäge immer Kosten und Nutzen ab, denn ganz nebenwirkungsfrei ist keins meiner Medis. Man braucht ,,einfach“ eine/n guten Arzt/Ärztin, der/die einen unterstützt, aufklärt und begleitet und vor Allem euch ernst nimmt!

Danke Anonym für deine Offenheit und Stärke deine Erfahrungen hier zu teilen! Wenn du auch Erfahrungen mit Medikamenten hast (egal ob gut oder schlecht) & sie gerne hier veröffentlichen möchtest, schreibe mir einfach eine Mail!

 

 

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