Weg von den Tabletten – A.

Mein damaliges Krankeheitsbild bestand aus akkustischen (Pseudo-)Halluzinationen, emotionaler Instabilität, diversen Ängsten und einer sehr schweren Depression. Meine Therapeutin überwies mich zu einer Psychiaterin, um abzuklären, ob eine Psychose vorlag. In diesem Rahmen machte ich meine erste Erfahrung mit Psychopharmaka. Fast pünktlich zum 18. Geburtstag bekam ich ein Rezept für ein Antipsychotikum in die Hand gedrückt: Quetiapin, 25 mg, vor dem Schlafengehen. Um gegen die Schlafprobleme vorzugehen, um die Stimmen in meinem Kopf zu beruhigen, um meine Stimmung zu stabilisieren. Die Tabletten machten mich schwerfälliger. Ich konnte zwar schlafen, war aber den ganzen Tag müde und eingedämmt, total unkonzentriert und nicht mehr bei mir selbst.
Kurz darauf wurde mir zusätzlich ein Antidepressivum verschrieben: Fluvoxamin, 50 mg, morgens. Es fühlte sich so an, als würde es minimal helfen, genauso wie das Quetiapin. Nach ein paar Monaten war die jeweilige Dosis auf das Dreifache gestiegen. Im Nachhinein weiß ich, dass es besser gewesen wäre, auf ein anderes Medikament zu wechseln, anstatt einfach nur die Dosis zu erhöhen.

Ein anderes Medikament – die gleiche Idee hatte die Ärztin in der psychiatrischen Klinik, die ich ein paar Monate darauf besuchte. Ein neues Antidepressivum, Elontril, 150 mg. Damit ich nicht mehr so abgestumpft und antriebslos bin. Abgestumpft und antriebslos war ich nach dem ersten Tag nicht mehr, dafür aber extrem hibbelig und aggressiv. Die Stimmungsschwankungen wurden noch heftiger, und der Satz “Sie sind sicher eine Borderlinerin!” wurde mir von verschiedenen Menschen schon nach ein paar Minuten gesagt. Ich setzte das Medikament nach dem zweiten Tag ab. Eine Ärztin erklärte mir, dass viele Borderliner häufig aggressiv auf Elontril reagierten. Eine gute Sache hatte das Ganze jedoch: Die Fluvoxamin Dosis wurde ein wenig herabgesetzt.

Nach 5 Wochen in der Klinik, eine Woche vor meiner Entlassung, äußerte ich in einem Arztgespräch den Wunsch, dass ich keine Medikamente mehr nehmen möchte. Zumindest erstmal kein Antidepressivum mehr. Die letzte Woche vor meiner Entlassung erschien mir ein guter Zeitpunkt, um in einem relativ geschützten Raum das Antidepressivum abzusetzen. 2 Tage 100mg, 2 Tage 50mg, dann gar nichts mehr. Absetzerscheinungen nach acht Monaten täglich Pillen? Geil! Zuckungen, Ticks, Schwindel und ekelhaftes Schwitzen waren für ein bis zwei Wochen mein ständiger Begleiter – aber gleichzeitig verschwand auch der dichte Nebel in meinem Kopf.

Ich verließ die Klinik mit einer hübschen Diagnose, mehr Klarheit über meine Probleme und Baustellen im Kopf, und nur noch dem wieder niedriger dosierten Antipsychotikum. Immer noch zum Schlafen. Mit der Zeit nahm ich das Medikament immer weniger, und setzte es dann von selbst problemlos ab (aber trotzdem: please dont try this at home!).

Dass das Absetzen der Medikamente so gut funktioniert hat und ich nicht wieder in ein Loch stürzte, verdanke ich vor allem der Kunst-und Gesprächstherapie in der Klinik und die zusätzliche Unterstützung durch eine langjährige ambulante Therapie. Ohne diese Begleitung wäre es unmöglich gewesen, gesund zu werden. Ich persönlich bin sehr froh, dass ich keine Psychopharmaka mehr nehmen muss und auch gut ohne Tabletten auskomme – aber da ist ja jeder ganz unterschiedlich. Wichtig ist es, und das weiß ich jetzt, das richtige Medikament zu finden, und nicht einfach stumpf die Dosis zu erhöhen.

Danke A. für deine Offenheit und Stärke deine Erfahrungen hier zu teilen! Wenn du auch Erfahrungen mit dem Absetzen von Medikamenten hast (egal ob gut oder schlecht) & sie gerne hier veröffentlichen möchtest, schreibe mir einfach eine Mail!

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